«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Valentin Vincenz

WISSENSCHAFTLICHER MITARBEITER 2000-2003

Dr. phil. Valentin Vincenz, Romanist, Kantonsschullehrer, Turmweg 2, CH-9470 Buchs (SG)

Geboren am 11. Juli 1942 in Andiast in der Surselva. Primar- und Sekundarschule im Heimatort Andiast. Matura Typus B an der Bündner Kantonsschule in Chur. Studium der romanischen Sprachen Französisch, Italienisch und Rätoromanisch bei den Professoren Gerold Hilty, Konrad Huber, Reto R. Bezzola, Georges Poulet, Jean Starobinsky und Jean Rousset an den Universitäten Zürich und Genf. Promotion bei Prof. Dr. Gerold Hilty mit der Dissertation Die romanischen Orts- und Flurnamen von Buchs und Sevelen. Von 1971 bis 2007 Hauptlehrer für Französisch und Italienisch an der Kantonsschule Sargans. Lehraufträge für rätoromanische Linguistik an den Universitäten Fribourg und Zürich. Zeitweise nebenamtliche Mitarbeit am Werdenberger Namenbuch.

Am 20. September 2021 ist Valentin völlig unerwartet an Herzversagen verstorben. In unseren Erinnerungen lebt er fort als ein warmherziger und kluger Weggefährte - tiefgründig und humorvoll, stark und empfindsam zugleich. Wir gedenken des Freundes in Dankbarkeit. 

 

Im Gedenken an Valentin Vincenz

Wohl niemand, der ihn kannte, hätte daran gedacht, dass er so unverhofft von dieser Welt schei­den würde. Valentin Vincenz, der markante Bündner Oberländer, wohlbekannt in sei­nem Her­kunfts­­dorf, anerkannt im Sarganserland, wo er arbeitete, hochgeschätzt auch in der Region Werden­berg, wo er seit Jahrzehn­ten leb­te. Er war ein gemütlicher Familienmensch, geliebt von den Sei­nen, ge­achtet in der Öf­fent­lichkeit. Er war auch ein un­ter­haltsamer und anregender Freund und Kollege. Ein enga­gier­ter Ver­mitt­ler fran­zösischer und italienischer Sprache und Kultur an der Kantonsschule Sargans. Er war als Ro­ma­nist und Namen­for­scher auf dem Boden des historischen Un­ter­rätien tätig und ein ausgezeichneter Kenner un­se­rer Region. Weiter war er bekannt als Ver­fas­­ser von sinn­reichen, warmherzigen Kinderbüchern. Und er war passionierter Kana­da-Rei­sender, immer wieder un­­ter­wegs in British-Columbia und am Rande der Wildnis von Yukon mit ihrer über­­wäl­tigenden Natur, ihrem besonderen Menschenschlag. Davon berichtete er immer wieder, und über viele seiner Eindrücke dort drüben hat er auch geschrieben.

Valentin Vincenz 2018 in Bad Ragaz unter Gleichgesinnten ...

Valentin war begabt mit heiterer Wesensart und raschem Witz, er verstand es, Situationen durch kur­ze Bemerkungen treffsicher zu charakterisieren oder auch zu entlarven. Da wir die Studienjahre in Zürich zu­sam­­men verbracht und auch später an gemeinsamen Pro­jek­ten in­ten­siv zusammengearbeitet haben, erin­ne­re ich mich an unzählige Momente entspannter Hei­ter­keit, wo er in fröhlicher Runde lustige Erinne­run­gen und witzige Einfälle zum Besten gab.

Daneben war ihm auch eine tiefgründige, dunkle Seite eigen. Er, der im bündnerischen An­­diast (über Wal­tens­burg) in einer währschaften romanischen Bauernfamilie aufgewachsen war, sprach oft vom harten Los der Kin­der aus den Bünd­ner Bergdörfern, welche die schulfreien Som­mer­­mo­na­te als Hüter­bu­ben oder Kin­der­mäd­chen im deutschsprachigen Unterland und in wild­frem­den Fa­mi­lien verbringen mussten, um so die Eltern daheim zu entlasten, auch auf unbekannten Al­pen mit unbekanntem Personal, nicht selten in lieb­loser, grober Umgebung. Er selbst war eines die­ser Kinder, er musste schon mit acht Jahren auf diese Weise fremdes Brot essen. Wohl hatte er das Glück, dass er die schlim­msten Din­ge, die er viel später beschrieben hat, nicht am eigenen Leib erlebte – aber er sah manches mit an und erfuhr vieles von anderen.

Dass der aufgeweckte Knabe, zweiter von vier Söhnen des Sennen und Bauern Balzer Vincenz und der Mari­urschla, geborene Sgier, das Gymnasium besuchen durfte (zuerst ein katholisches Institut in der Inner­schweiz, dann die Kantonsschule Chur), war damals alles andere als selbstverständlich, zu­mal auf dem Land – auch bei uns im Werdenberg war dies damals nicht anders. Zwischen 1965 und 1971 stu­dier­te er ro­ma­ni­sche Sprachwissenschaft an den Universitäten Zürich und Genf. Dort haben wir uns kennengelernt. Schon während des Stu­diums fand er An­schluss an die kurz zuvor in Gang gekommenen Forschungsarbeiten zur Erhebung und Deutung der Orts-, Flur- und Geländenamen in der Region Werdenberg. Er debütierte mit der entsprechenden Bearbeitung der Gemeinden Buchs und Sevelen, was die Grundlage für seine Dissertation ergab, welche 1983 erschienen ist.

Seit Frühjahr 1971 wirkte er erfolgreich als Hauptlehrer für Französisch und Italienisch an der acht Jahre zuvor eröffneten Kantons­schule Sargans; dort hat er während nicht weniger als 35 Jahren als beliebter und geachteter Pädagoge und Lehrer gewirkt. Daneben blieb er trotz vollem Schul­pensum weiter in der Namen­for­schung tätig (nun in den Gemeinden Gams, Sennwald, Vilters, Wangs). Es folgten weitere schöne Publi­ka­tionen, vor allem namenkundlicher, aber auch volks­kund­licher Ausrichtung.

Valentin Vincenz war es vergönnt, in der Geborgenheit einer stabilen und harmo­ni­schen Kern­fa­mi­lie zu le­ben, zusammen mit seiner Frau Rosmarie (der er nach Buchs gefolgt war) und seinen Kin­dern Reto, Corina und Barbara, zu denen später auch die sechs Enkelkinder kamen. Am Turm­weg hatte er sich sein Heim er­bauen lassen. Hier konnte er sich in Haus und Garten und auch im Kreis guter Kollegen von den An­for­de­run­gen der Berufs­ar­beit erholen.

In der Uniun Rumantscha Rezia Bassa hielt er den Kon­takt zu seinen ebenfalls ins Unterland ausge­wan­der­ten Bündner Landsleuten aufrecht; in diesem Kreis fand er Gelegenheit, seine Muttersprache zu pfle­­­gen.

Valentin Vincenz im Jahr 2001. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Seit einiger Zeit musste Valentin gesundheitliche Rückschläge in Kauf nehmen. Aber sein Geist war wach, sein Gestaltungswille lebendig geblieben. Hatte er zuvor mehr über fachliche, populärwissenschaftliche und kultur­ge­schicht­liche Themen geschrieben, drängten nun persönli­che Anliegen in den Vordergrund. Es gab da, wie schon angetönt, dunkle Zonen in seiner Kindheitswelt, Dinge, die seine Jugend mitgeprägt hatten und ihm nun in der Lebensrückschau wieder neu und beklemmend nahe­traten. Sie wollte er nun offen an­gehen.

Sein vor zwei Jahren erschienener Ro­man «Der Fluch der Gletschermühle» handelt von der Not wehr­loser Hir­ten­buben, denen von ruchlosen Erwachsenen auf einsamen Alpen, weitab von jeg­li­chem familiä­ren Schutz, seelische und kör­perliche Gewalt angetan wurde. Die Erzählung ist fiktiv, aber die geschilderten Ereignisse waren verbürgt.

Wenige Tage nur vor seinem Hinschied hatte ich mit ihm über sei­ne neue Erzählung gesprochen, deren Ma­nu­skript er vor kurzem fertiggestellt hatte und die ihm wiederum ein grosses Anliegen war. In diesem bislang unveröffentlichten Text deutet der Arbeits­ti­tel «Nachts im Dunkel» die inhalt­li­che Richtung an: Tabu und Heuchelei im kon­ser­vativen Berg­dorf mit starren Strukturen, Hier­ar­chie und Doppel­moral, biede­rer Fassade vor dunklem Hintergrund. Hier geht es, wiederum romanhaft fiktiv, aber doch wirklichkeitsnah, um all­mächtige Dorf­mag­naten, heimliche Übergriffe, hilflose Opfer, Ohn­macht verletzter Seelen, schwei­gen­de Öffent­lich­keit, wegschauende Kirche. Valentin wollte de­nen eine Stimme geben, die damals in ihrer Not allein gelassen wurden, sich kein Gehör verschaffen konnten.

So war neben sein meist heiteres Wesen der früheren Jahre zunehmend auch eine ernste Tonart getreten. Diese war wohl verstärkt worden auch durch familiäre Schicksalsschläge, tragische Todesfälle in seiner Ver­wandt­schaft, die ihm viel Verantwortung übertragen und tiefe seelische Spuren hinterlassen hatten. Es ist gut, auch darum zu wissen, wenn man seine Texte liest.

Seine Erzählungen sind schlicht vorgetragene, aber tiefempfundene Zeugnisse der Mitmenschlich­keit, Akte einer persönlichen Befreiung, die wohl nicht in erster Linie nach literarischen Kategorien beurteilt werden wollen. Hauptanliegen des Autors war es, den schmerzhaften Riss mitten durch jene Welt und ihre Men­schen nachzuzeichnen, der ihn und mit ihm viele andere ein Leben lang beschäftigt hat.

Valentin Vincenz hat sich mit seiner Persönlichkeit, mit seinem Wirken und in seinen Werken ein schönes, bleibendes Denkmal in unseren Herzen geschaffen. Wir halten das An­den­ken an den Dahingegangenen in Ehren.

Seinen trauernden Angehörigen entbieten wir unser herzliches Beileid.                             H. Str.

 

Wichtigste Publikationen von Valentin Vincenz

Namenforschung, Sprachgeschichte

Der Ortsname Buchs. - In: St. Galler Namenbuch 1956-1977. St.Gallen, 1978, 20-25.

Grundsätze und Praxis der Schreibung von Orts- und Flurnamen. - In: Terra Plana (Mels) 1/1980, 36-38.

Die Namenforschung im Dienste von Sprach-, Siedlungs-, Kultur- und Naturgeschichte. - In: 120. Neujahrsblatt, hg. vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen. St.Gallen, 1980, 22-30.

Die romanischen Orts- und Flurnamen von Buchs und Sevelen. St. Galler Namenbuch, Romanistische Reihe, Bd. 3. Weite-Fontnas, 1983. (Dissertation.)

Die romanischen Orts- und Flurnamen des Sarganserlands, eine Herausforderung für die Sprach- und Namenforschung. - In: Terra Plana (Mels) 2/1983, 21-25.

Einige Beispiele von [Gamser] Flurnamen romanischer Herkunft. - In: Kessler, Noldi: Gams, ein kurzer Gang durch eine lange Geschichte. Gams, 1985, 22.

Die Namen am Calanda: Sinn und Bedeutung der Namen. - In: Calanda (Festschrift 125 Jahre Sektion Rätia SAC), Chur, 1988, 11-19.

Von einem verborgenen alträtoromanischen Sprachschatz im Pizolgebiet. - In: Terra Plana (Mels) 2/1991, 46-48.

Die romanischen Orts- und Flurnamen von Gams bis zum Hirschensprung. St. Galler Namenbuch, Romanistische Reihe, Bd. 4. Buchs, 1992.

Die romanischen Orts- und Flurnamen von Vilters und Wangs. St. Galler Namenbuch, Romanistische Reihe, Bd. 5. Mels, 1993.

Deutung des Namens «Sexmor». – In: Sarganserländer, 11. Juni 1998, S. 6.

Von Abach bis Zerfina. Das Sarganserland im Spiegel der Namenlandschaft. Mels, 2014.

Zwischen Péz Fluaz und La Pella. Die Flurnamen von Andiast als Quelle der Dorfgeschichte. Mels, 2016.

Als die Wartauer oberen Dörfer Churwälsch sprachen. - In: Terra Plana (Mels) 2/2018, S. 21-26.

Das Werdenberger Namenbuch - Pionierarbeit mit Nachhaltigkeit. - In: Werdenberger Geschichte/n 1, Buchs, 2018, 270-277.

 

Historisch-Volkskundliches

Feldgrau bis Bunt. Dokumente und Erinnerungen aus dem Soldatenleben. Werdenberger Schicksale, Band III (Hrsg. Paul Hugger.) Buchs, 1991.

 

Kinderbücher

Grischetta auf dem Maiensäss / si culm / au mayen / al monte. Kinderbuch, Text in den vier Landessprachen. Illustration Fortunat Cagienard. Mustér, 1984.

Grischetta im Haus / en casa. Kinderbuch, Text deutsch und surselvisch. Illustration Fortunat Cagienard. Mustér, 1985.

Andri hat einen Traum / Andri ha in siemi. Text deutsch und surselvisch. Illustration Leo Grässli. Schaan, 2008.

 

Romane

Der Fluch der Gletschermühle. Roman. Mels, 2019.

Il Multè fatal. Roman. Mels, 2020. [romanische Version von: Der Fluch der Gletschermühle]

Nachts im Dunkel. Roman. [Manuskript]