«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Bleis

(Wartau)

Wo sich der Schollberg befindet, ist jedem Wartauer und wohl auch den meisten Werdenbergern bekannt. Es ist der rundliche Felskopf, der sich zwischen Trübbach und Sargans am Ostfuss des Gonzens weit in die Talebene vorschiebt, fast bis zum Talfluss. Der markante Bergkopf, oben gespalten (was ihm im Sarganserland den lapidaren Namen «Fütlepagge» eintrug), ist über einen Sattel (Matug) mit dem Berghang gegen den Gonzen hin verbunden. Er ist felsig und mehrheitlich bewaldet; nur auf seiner (nord-)östlichen Flanke sind grössere Flächen abgeholzt worden: die Weideflächen Mazifer und Usser Schollberg, dann weiter unten Ponagals und, unmittelbar über Gufaluns, der steile, horizontal verlaufende Wiesstreifen namens Bleis. Dieser Name soll heute im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen; daneben wollen wir aber auch die wichtige Rolle beleuchten, die der Schollberg verkehrsgeschichtlich spielte.

Der Schollberg bildet als natürliches Hindernis von jeher eine wichtige Schlüsselstellung in der Verkehrsführung durch das linksseitige Rheintal. Da der noch ungebändigte Rhein unmittelbar die Flanke dieses Bergkopfes bespülte, musste bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts der linksrheinische Durchgangsverkehr wohl zur Hauptsache den Weg über den Berghang, über den Sattel von Matug (730 m ü. M.) nehmen.

Ausschnitt aus der Flurnamenkarte von Wartau (Werdenberger Namenbuch). Das Gebiet Bleis am Nordhang des Schollbergs ist rot markiert.

Als 1485 Graf Johann-Peter von Sax-Misox die Grafschaft Werdenberg an den eidgenössischen Stand Luzern verkaufte, wurde Werdenberg erstmals eidgenössisch. Nun drängte sich eine bessere Verkehrsanbindung Werdenbergs gegen das eidgenössische Kerngebiet auf. Im Jahr 1490 beschlossen die eidgenössischen Orte an der Tagsatzung von Luzern den Bau einer neuen Schollbergstrasse. Otto Ackermann hat im Werdenberger Jahrbuch 1997 (S.43-59) in einer sehr lesenswerten Untersuchung Geschichte und Bedeutung dieses Verkehrsweges eindrücklich dargestellt.

Die 1492 neu eröffnete, für Fuhrwerke passierbare Landstrasse zwischen Wartau und Sargans bedeutete verkehrstechnisch einen grossen Fortschritt gegenüber dem 200 m höher verlaufenden Saumpfad über Matug. Otto Ackermann vermutet (loc. cit. S. 54), dass die eidgenössische Strasse nicht einen völligen Neubau darstellte, sondern dass hier («unten durch») auch zuvor schon ein Verkehrsweg bestand, der nun ausgebaut wurde. Bis zum Bau der heutigen Schollberg-Umfahrungsstrasse (um den Hangfuss) war diese eidgenössische Route eine wichtige Handels- und Militärstrasse, mit Pferdewechselstationen in Trübbach und Vild.

Der Verlauf der Schollbergstrasse von 1492 ist auf dieser alten Aufnahme mit roten Punkten markiert. Rechts aussen die Mühle am Trüebbach, oben der Wolfgarten, links der Wieshang Bleis. Weitere aufschlussreiche Aufnahmen finden sich unter https://www.sarganserland-walensee.ch/lokalgeschichte/schollberg/schollberg_5.htm und https://www.sarganserland-walensee.ch/lokalgeschichte/schollberg/schollberg_6.htm (aus letzterer Darstellung stammt diese Aufnahme von Walter Mittelholzer von 1925).

Zwar veräusserte Luzern schon 1493 die Herrschaft Werdenberg wieder; diese kam dann an die Herren von Castelwart und bald danach (1498) an die Freiherren von Hewen. Auch nach diesen Handänderungen brach aber die nähere Anbindung des Gebietes an die Eidgenossenschaft nicht mehr ab, und 1517 kaufte dann der Stand Glarus die Herrschaft Werdenberg.

Die eidgenössische Strasse führte von Obertrübbach nach Bleis hinaus und dann um den Felskopf herum über der Hohwand (am Südostabfall des Schollbergs) und schliesslich, südlich des Hindernisses, gegen Vild hinab.

Dass es in Bleis, am ostwärts abfallenden Hang über Gufaluns, unweit der Schollbergstrasse, einmal einen Acker und gar einen Weinberg gegeben haben muss, geht aus dem Helvetischen Kataster von 1801, Fol. 13/14, hervor, wo es unter «Pleiss» heisst: «Weingarten», und «Acker», stösst «an die Landstrasse». Mit dieser «Landstrasse» war damals natürlich noch die alte Schollbergstrasse von 1492 gemeint.

Im Jahr 1822 war es dann so weit, dass der Kanton St.Gallen die heutige Schollbergstrasse errichtete. Diese verlief nun ohne Anstieg auf einem Damm unmittelbar um den Fuss des Bergkopfs herum. Damit wurde die höher gelegene alte Strasse nicht mehr benützt; sie überwucherte in der Folge und verfiel zusehends. Zudem wurde durch den fortgesetzten Tagbau im Steinbruch die Linienführung der alten Strasse mit der Zeit unterbrochen. Erfreulicherweise ist sie aber seit 2010 restauriert und 2014 als Wanderweg wiedereröffnet worden (wobei nun ein Tunnel den tief in den Berg eingefressenen Steinbruch umgeht).

Der Bleisweg führt von Obertrübbach (rechts ausserhalb des Bildes) etwa durch die Bildmitte gegen links in das Gebiet Bleis. Bild (März 2026): Werdenberger Namenbuch.

Das Teilstück der alten Strasse auf der Wartauer Seite des Bergkopfs, von Obertrübbach bis nach Bleis, blieb erhalten, wurde aber, seiner nunmehr geringeren Bedeutung entsprechend, zum lokalen Fahrweg, der auch Bleisweg genannt wurde.

Damit also zurück zum Namen Bleis! Als Wort und Name kommt der Typ in ganz Churrätien (und darüber hinaus) vor. Wir finden es in Grabs im Alpnamen Plisen, dann auch im Sarganserland (Plis, Blisch, Blees, Bleisch, Pleisi). Gemäss dem Dicziunari Rumantsch Grischun (Bd. 2, 374), dem vierten unserer Nationalen Wörterbücher (an dem ich 1971-1984 mitgearbeitet habe) findet sich das Wort in ganz Romanischbünden (als surselvisch bleis(a), auch bleigia, mittelbündnerisch bleis, bles, blecs, sblisch, oberengadinisch blais, bles, unterengadinisch blais, blaisch). Auch in allen Teilen Deutschbündens ist der Name Bleis vielfach anzutreffen, daneben im Montafon (Blis und Bleis), ferner im Inntal (Pleis, Pleissen) sowie im Iller- und Lechgebiet, dann auch im deutschen und ladinischen Etschgebiet (Alto Adige) sowie im oberitalienischen Alpenraum (dort als Bles, Bies).

Das Wort bedeutet allgemein ‘grasbewachsener Abhang in den Bergen (meist ohne Baumwuchs, genutzt als Weide oder Bergwiese)’. Das ist auch die Bedeutung, die den vielen Geländenamen dieses Typs zugrundeliegt. Allgemein wird der Ausdruck zu den vorrömischen Alpenwörtern gezählt, d. h. zu einer Wortschicht, die alteinheimisch und - älter als das Latein – schon vor der Romanisierung Rätiens bei der autochthonen Bevölkerung des Alpenraumes gebräuchlich war. Solche Wörter finden sich nun nicht nur im Romanischen, sondern auch in den angrenzenden deutschen Alpenmundarten, wohin sie über das Romanische (teils in jüngerer Zeit, teils auch durch frühen Kontakt schon mit dem Althochdeutschen) gelangt sind.

Im Fall von Bleis/Plis(en) wird als Grundform ein vorrömisches Wort *blēse angenommen, das dann ins Romanische und auch ins alpine Alemannische gelangt ist. Dessen langes -ē- entwickelte sich wie derselbe Laut des Lateinischen im Romanischen zu -ei- (> bleis). Durch die frühe Nähe zu dem sich auch in Rätien ausbreitenden Althochdeutschen entstand daneben auch noch die Variante Plis.

Wir haben also: a) eine südliche romanisch(-alemannische) Zone mit -ei-, die ganz Deutschbünden überdeckt und bis nach Wartau (unser Bleis) herunter reicht (auch die lautlich etwas verschobene Plessihalde in Sevelen dürfte noch zu ihr gehört haben). - b) eine nördliche, altalemannisch geprägte Zone mit -i- (Plis). Die Grenze zwischen den beiden Typen verläuft von Glarus über das Sarganserland bis ins Montafon und in den Walgau (vgl. auch noch Blais Ludesch): weiter nördlich findet man das Plis-Gebiet, siehe Blis(a) im Montafon und Klostertal, in Brand und Nenzing (aber noch Bleis in Nüziders).

Diese Aufteilung lässt sich dadurch erklären, dass in der nördlichen, früher germanisierten Zone der *blēse -Typ sehr früh ins Altalemannische übernommen worden war, wodurch er sich dort gleich entwickelte wie etwa lat. sēta ‘Seide’, das alemannisch zu Side wurde, oder lat. crēta ‘Kreide’ zu Chride – also auch *blēse zu Plis. Das besonders spät verdeutschte Gebiet von Wartau war zu jener Frühzeit noch gänzlich Teil des romanischen Sprachraumes – daher hat sich dort der romanische Typ Bleis erhalten.

Werfen wir auch noch einen Blick auf die Grabser Alp Plisen, die einsame Hochalp im steinigen Taleinschnitt zwischen Gamserrugg und Chäserrugg. Dort könnte man fragen, warum wir den Namen eigentlich als Plisen schreiben, und nicht etwa als *Plisa, wie wir es sonst bei romanischen Namen zu halten gewohnt sind? Die Frage zielt mitten in die hier waltenden Gesetzmässigkeiten hinein. Um diese zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen:

Blick auf die Grabser Alp Plisen zwischen Gamserrugg und Chäserrugg. Die Alpgebäude liegen auf 1898 m ü. M. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Im Ortsarchiv Grabs liegt eine Urkunde von 1486, laut welcher der Verlauf der Gemeindegrenze gegen das Toggenburg neu abgesteckt wurde – wie es dort heisst: «… zwischen den … Alpen Thyols [Iltios] und Gamps ob der rise [Hinderrisi] obnen vnd vnder pliss [Plisen]». Dort wird die Grabser Alp also Plis(s) genannt. Das ist eben das alte vorrömische * blēse, das als Plis nicht nur Name wurde, sondern als bergbäuerlicher Fachausdruck auch in unsere alemannische Mundart eingegangen war, eben in der Bedeutung ‘steile Grashalde zwischen Felsen’ (was in dieser steinigen, kargen Alp ja ausgesprochen zutrifft).

Die alten Grabser verwendeten dieses Plis also im erwähnten Sinn als Sachwort für ‘kleine steile Grasflächen zwischen Felsen’, und zwar (wohl: das Plis), und daraus wurde nun auch der Name des Älpchens. Natürlich lässt sich zu jedem Sachwort auch eine Mehrzahlform bilden: in den Plisen. 1486 hiess die Alp laut der Urkunde Plis (Einzahl). Wenn wir heute Plisen sagen, so ist dies nichts anderes als die alte (deutsche) Mehrzahlform (in den) Plisen ‘in den Grashalden’. Uns Heutigen ist allerdings das Bewusstsein, dass es sich um eine Mehrzahl handle, entschwunden: man sagt neutral uf Plisen, denn wir kennen auch dieses alte Reliktwort Plis nicht mehr.

Damit ist mehr als ein Problem erklärt. In der Gegenüberstellung von echt romanischem Bleis in Wartau und halb-alemannischem Plis(en) in Grabs tritt uns ein kleines, weithin unerkanntes Stück Sprachgeschichte entgegegen. Der Unterschied zeugt davon, dass Wartau besonders lang, wohl zwei, drei Jahrhunderte länger als Grabs, bei der romanischen Sprache geblieben ist – länger auch als der Raum um Sargans, der seinerseits Zeugen verhältnismässig früher Verdeutschung aufweist.

Nachtrag: Bereits am Tag des Erscheinens unseres Artikels kann ich auf eine Ergänzung seitens eines treuen Lesers dieser Rubrik verweisen. Der gebürtige Seveler Christian Göldi, dipl. Ing. ETH, teilt mir nach der Lektüre des obigen Textes mit: "Als ehemaliger Offizier der Festungsbrigade 13 hat mich natürlich interessiert, ob Du auf die Festungsanlagen im Bereich von Bleis hinweisen wirst. Im Werdenberger Jahrbuch 2014 ist darüber viel dokumentiert. Auf den Seiten ab 183 : Reduit-Nordfront-Abschnitt Schollberg gefällt mir besonders der Abschnitt «Urlaubsgesuch nach Grabserberger Art» vom Füsilier Teabis ...). Nein, diesen militärhistorischen Aspekt der Örtlichkeit hatte ich tatsächlich nicht erwähnt. Gerne gebe ich hiermit den Hinweis darauf weiter.

 

 

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