«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Chobel

(Sennwald)

Wer in der Deutschschweizer Flurnamendatenbank www.ortsnamen.ch den Namen Kobel eingibt, dem präsentiert sich auf der Schweizerkarte ein enges Verbreitungsbild von rund 17 Fällen in einem Dreieck zwischen Uzwil, Berneck und Sennwald. Startet man die Suche unter Chobel, kommt noch ein Fall in Flums dazu, ferner drei im Prättigau und einer in Arosa. Die kräftigste Ansammlung finden wir mit fünf Fällen (samt vielen Zusammensetzungen) allein im Raum Sennwald.

Eine auffällige Häufung, die natürlich mit den Geländeverhältnissen eng zusammenhängt. Konzentrieren wir uns hier auf die in Sennwald liegenden entsprechenden Örtlichkeiten. Wir finden hier:

Chobel1: Steile einstige Wildheuwiesen im südöstlichen Teil der Saxer Usseren Höberg, nördlich oberhalb von Chobelwand1 und Chobelwald1. Auf diesen Ort beziehen sich die Zusammensetzungen †Chobelbach3, Chobelbrünneli, Chobelgang, †Chobelhütte, Chobelrengg, Chobelschlatt, Chobelsess, †Chobelstein, Chobelwald1, Chobelwand1.

Chobel2:  Gebiet mit grosser Felswand (der Chobelwand2) am Frümsner Berg, nördlich vom Breitläuibach, wird von der Stauberenbahn überquert. Hierher die Zusammensetzungen Chobelbach1, †Chobelloch, Chobelrangg, †Chobelsteinen, Chobelstumpen, Chobeltrüchni, Chobelwald2, Chobelwand2, †Chobelwegli.

Chobel3: Wiesland am untersten Sennwalder Berg, nordwestlich vom Lögert, zwischen Chobelbach2 und Mülbach3, ob dem Grüt7, unter der Felswand, die heute Langwändli heisst. Hierher auch Chobelbach2, Chobelegete, †Chobelegg.

Chobel4: Steiler Wald am hinteren Sennwalder Berg, mit auffälliger Felshöhle (dem Gelloch), im Südosten der Alp Rohr. Hierher auch Chobelbödeli, Chobelwand3.

Chöbeli: Waldgebiet am Frümsner Berg, östlich von Chobel2 und Chobelwand2. Hierher auch Chöbelibach, Chöbeligrind, Chöbeliris. Übrigens: In Grabs gab es einen Hausnamen s Chöbelis (am Schlussbach, Grabser Berg). Doch dieser hat mit der hier besprochenen Gruppe nichts zu tun; er geht auf einen Jakob (Rufform Chob, Chöbeli) zurück. Es gilt hier also zu unterscheiden.

In Sennwald gab es weiter eine Ortsbezeichnung †Chobelagger (Ackerland im Raum Sennwald, nähere Lage unbekannt), die sich entweder auf Chobel3 oder Chobel4 bezieht – oder aber Chobel als Sachwort enthält.

Ausserhalb der Gemeinde Sennwald kommt der Namentyp in Werdenberg kaum vor; nur in Grabs erscheint noch ein vereinzelter (und lange verkannter) Abkömmling dieses Wortes im Namen in [den] Chüplen (steiler Bergwald, von horizontalen Felswändchen durchzogen, am östlichen Abfall von Neuenalp zur Felswand genannt Stein2). Hier ist an die Stelle von Chobel eine Lautform Chubel getreten (die weiter auch in Kübla Frastanz aufscheint).

Doch zurück nach Sennwald, dem Mekka dieses Namenwortes: Es gibt hier weiter eine Reihe zusammengesetzter Namen, wo Chobel durch ein anderes, vorangestelltes Element näher bestimmt wird: †Chis-Chobel (unbekannte Örtlichkeit im Raum Sennwald), Lobchobel (teils felsiges Waldgebiet am unteren Sennwalder Berg, westlich der Littenwand), Geiss-Chobel (Weide in der Frümsner Alp), Oberchobel (Bergwald am vorderen Sennwalder Berg, von Felswändchen quer durchzogen, über dem Gebiet Chobel3).

Bei letzterem Fall wird es sich um Bezugnahme auf den Ort Chobel3 handeln. Die übrigen drei aber (Chis-Chobel, Lobchobel und Geiss-Chobel) beziehen sich im Grundwort nicht auf einen der Chobel-Orte, sondern stellen ein Sachwort vor. Das heisst, Chobel muss als Wort noch verstanden worden sein, als diese Zusammensetzungen gebildet wurden.

Richtig: Chobel bedeutete ‘Felswand’, ‘überhängender Fels’, auch ‘kleine Lagerstätte von Wildtieren’. Man beachte in den oben gegebenen Ortsbeschreibungen, wie oft in der Umgebung der Chobel-Orte Felswände vorkommen! Von der Sache her ist die Beziehung zwischen einem überhängenden Felsen und einer Lagerstätte, einem Tiernest an geschützter Stelle, leicht einzusehen: Jedes Wildtier wird sein Nest vornehmlich an einer vor Niederschlägen geschützten Stelle suchen. Vielleicht lässt sich nun auch noch herausfinden, ob der begriffliche Ausgangspunkt des Ausdrucks eher bei der Bedeutung ‘Felswand’ oder bei der Bedeutung ‘Tierlager’ zu suchen ist.

Blenden wir also zurück in die Geschichte dieses Wortes. Es ist schon dem Deutschen des Hochmittelalters, dem Mittelhochdeutschen, bekannt als kobel n. ‘Fels, Schlucht’, und es beruht unmittelbar auf einem lateinischen *cubulum ‘Lagerstätte’. Dieses wurde seinerseits vom Verb cubare ‘auf einem Lager ruhen’ abgeleitet (man vergleiche damit italienisch covare ‘brüten’; begrifflich umgekehrt: rumänisch a se scular ‘aufstehen’ < ex-cubulare). Damit liegt die Antwort schon vor: Primäre Bedeutung von cubulum ist ‘Lagerstätte’, und von hier aus erfolgte die Erweiterung auf die überhängende Felswand, welche solche geschützten Stellen als Unterschlupf bot. Doch hat sich dann die Wortbedeutung vom ‘Tiernest’ weitgehend losgelöst und sich dem Begriff des ‘überhängenden Felsens’ zugewandt.

Nun aber muss der Faden noch in eine andere Richtung weitergesponnen werden. Bisher haben wir nur von den deutschen Abkömmlingen des Worttyps gesprochen, Chobel aus cubulum, wo das lateinische c- zu ch- wurde und das -b- erhalten blieb.

Der Worttyp als Ganzes ist nun aber in verschiedenen Lehnschichten – als Name und teils als Sachwort – über Graubünden, Sarganserland, Liechtenstein, St.Galler Rheintal, Vorarlberg, Tirol und Bayern (Kofel) weit verbreitet.

In den an Graubünden angrenzenden Zonen findet sich die sprachgeschichtlich jüngste Übernahme aus romanisch cuvel m. ‘Höhle’, ‘Unterschlupf unter vorspringendem Felsen’: Gufel, Gufels und Gufaluns in Wartau, gleichlautend auch häufig in Deutschbünden und in Südvorarlberg.

Gufaluns (Wartau) geht auf die romanische «Vergrösserungsform» cuvelun ‘grosse überhängende Felswand’ zurück, und in Gaflei (Triesenberg) steckt eine abgeleitete «Kollektivform» cubul-etum ‘Ort mit vielen Felswändchen’, ebenso, gekürzt, im Fleispitz (Gams). Der Name Flusa am Seveler Berg enthält wohl eine Adjektivableitung cubul-osa ‘felsig’, über romanisch *cuvlusa > Flusa. Der Name Guflina (Triesenberg) schliesslich ist romanische Verkleinerungsform cuv’lina ‘kleine Felswand’.

Im Gasterland und im Glarner Unterland erscheint ebenfalls Gufel, daneben auch eine Variante Gubel (mit erhaltenem -b-).

Der Fall macht unter anderem deutlich, dass in unserem Raum ein Lehnwort oft von zwei Seiten her vermittelt werden konnte – einmal als ältere alemannische Übernahme (Chobel) und dann auch als unmittelbares Überbleibsel aus unserer romanischen Sprachepoche (Gufel). Werdenberg bildet auch diesbezüglich eine Übergangszone zwischen alemannischer und romanischer Sprachwelt.

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