«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Eggenberg

(Grabs)

Der Weiler dieses Namens liegt am vorderen Grabser Berg auf etwas über 900 m ü. M., am oberen Rand der Heimgüterzone, oberhalb Plangg, dem Chappeli und dem Oberen Boden, unterhalb der Güter und Streuerieter von Fulenberg. Er liegt auf und neben einer kleinen, vorspringenden Geländeterrasse; gegen hinten stösst das Gebiet an den Grupsbach (Eggbach), nach vorne reicht es bis an den Muntlerentschbach. Vor dem Bau der Voralpstrasse, also seit alter Zeit und bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts, wurde der Weiler erschlossen durch die Gasse, die hier Eggenberggass, weiter unten Steffenbüelgass heisst, allgemeiner aber als Walchengass bekannt ist. Diese, die Hauptgasse am vordersten Grabser Berg, führt vom Dorf über Wispel, Walchen, Tischenhus und Steffenbüel nach Eggenberg herauf und von hier aus weiter über die Maienberge (Fulenberg, Buechen, Hofmansbüel, Pilärsch) hinauf in die Alpen. Weiler und Gasse sind schon 1463 im Grabser Urbar (einem Verzeichnis von Gütern, Allmendland, Weg und Steg) erwähnt; es heisst dort auf Seite 30, der andere Weg führe «… für [= vor] Egenberg hin uff über die Mayensæs hin uff durch den wald jn die alpen».

Schon für das Jahr 1351 erscheint ein «Wælti von Egenberg» als einer der Zeugen in einer Rechtshandlung (siehe Liechtensteinisches Urkundenbuch, I. Teil, 2. Band, Nr. 37, S. 143). Auch wenn dieser Text nur indirekt in einer jüngeren Abschrift (15./17. Jh.) aus Gilg Tschudis Nachlass erhalten ist, so ist doch die Schreibung Egenberg als zuverlässig zu betrachten, stimmt sie doch ganz mit der übrigen älteren Überlieferung überein. Erst ab dem 17. Jh. beginnt auch die moderne Form mit --gg- aufzutreten: 1351, 1463, 1541 egenberg, 1650 Eggenberg, 1691 und 1706 Egenberg, 1737 Egen berg, 1750 Egenberg, 1751, 1769 und 1783 Eggenberg, 1801 wieder Egenberg.

Die Gehöfte von Eggenberg am oberen Grabser Berg in der Bildmitte und rechts darunter (aus dem Heli). Links unten Muntlerentsch, darüber die Obere Litte und oben die Maienberge; rechts hinten Wildhaus. Bild Hans Jakob Reich, Salez.

Die ältere Schreibform kommt nicht von ungefähr, denn auch die ältere einheimische Aussprache des Namens, und zwar die am sprachlich konservativeren Grabser Berg, lässt nur EIN (schwaches) -g- gelten: traditionell sagt(e) man dort nur E(e)gäberg, sogar mit etwas gelängtem E-. Dasselbe gilt (oder galt) auch für die Sprechform des vom Weilernamen abgeleiteten Familiennamens Eggenberger: wo heute ein strammes -gg- vorherrscht, war älter am Berg ein geschmeidiges E(e)gäberger zu hören. Gleich übrigens wie beim Wort für die Ackeregge oder Egge (mittelhochdeutsch égede f.), das hierzulande in der Mundart lautgerecht als Eegä weiterlebte (während neuhochdeutsch Egge f. aus der Verbform eggen neu gebildet ist).

Was bedeutet der Name Eggenberg? Man hörte gelegentlich die schmeichelhafte Vermutung, das Werdenberger Geschlecht sei aus Österreich eingewandert und entstamme wohl gar einer Adelsfamilie – denn bekanntlich gibt es in der Steiermark ein österreichisches Adelsgeschlecht namens von Eggenberg sowie das Barockschloss Eggenberg in Graz (es ist die grösste und bedeutendste barocke Schlossanlage in der Steiermark), ebenso findet man weiter in Oberösterreich, im Bezirk Gmunden, eine Ortschaft Eggenberg sowie ebendort, bei Vorchdorf, wieder ein Schloss Eggenberg. Solchen Vermutungen, so verlockend sie klingen mögen, muss man im Licht der Wahrheit freilich eine Absage erteilen; daran ist nichts wahr: Denn nicht alles, was gleich tönt, muss auch zusammengehören, geschichtlich nicht und möglicherweise auch sprachlich nicht. Hier ist es wirklich nur die äussere Form, die einen Zusammenhang nahezulegen scheint; darüber hinaus gibt es keinerlei geschichtlich begründbare Bezüge zwischen dem Weiler am Grabser Berg und den Schlössern in Graz oder in Vorchdorf. Also darf (oder muss) man diese Theorie getrost ad acta legen.

Zur Herkunft des Grabser Namens Eggenberg sind nur wenige ältere Äusserungen zu verzeichnen. Offenbar erschien er den Namenkundlern als uninteressant, weil man ihn zum vorneherein in Verbindung setzte mit einem Berg, nämlich einem Berggut, und mit einer Ecke, mundartlich Egg, für einen ‘Vorsprung im Gelände’ (entweder das Egg ‘Winkel, Ecke’ oder di Egg ‘abfallende Geländekante’).

Blick von oben auf den Kern des Weilers Eggenberg. Im Hintergrund links Werdenberg und Buchs, weiter rechts hinten Vaduz. Rechts die Hänge von Studner und Buchser Berg. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Die Deutung als ‘Berggut’ ist hier richtig. Wir kennen eine lange Reihe solcher Berg-Namen in unseren Gemeinden, welche sich nicht auf einen Berggipfel beziehen, auch nicht nur auf ein Maiensäss (das auch Berg genannt wird), sondern allgemein auf ein Bauerngut am Berghang. Oft tritt Berg in Verbindung mit einer Personenbezeichnung auf; man vergleiche etwa: Agtaberg (Sevelen), Annilisberg (Wartau), Brueschenberg (Sevelen), Dieterisberg (Wartau), Herzenberg (Grabs), Leversberg (Grabs), Münschenberg (Gams), Rotenberg (Gams), Schochenberg (Grabs), Tischenberg (Grabs). Unter den vorkommenden Personennamen sind auch alte Formen, die man nicht mehr auf Anhieb erkennt, wenn sie in der Gegend nicht mehr bekannt oder gebräuchlich sind, wie etwa Härz, Lever (Liver), Münsch (Minsch), Schoch, Disch.

Und der erste Teil des Namens, Eg(g)en-? Der Grabser Germanist Dr. Jakob Eggenberger (1930-2022), der sich eingehend mit seinem eigenen Familiennamen befasst hat, vermutete in diesem Namenteil einen alten deutschen Personennamen auf Eg- (wie Egbert, Eglolf, Egil), wohl in einer Kurzform Eg(o) (Wesfall: des Egen): also wäre Egenberg zu verstehen als ‘Berggut des Eg(o)’. Diese Deutung hat viel für sich.

Daneben versuchte Jakob Eggenberger noch einen zweiten Erklärungsweg gangbar zu machen. Er dachte an das alte Rechtswort (Adjektiv) eigen ‘rechtmässig zugehörig’, (Substantiv) Eigen n. ‘eigener, erblicher Grundbesitz, Privateigentum’.

Ein Eigenberg wäre demnach ein Berggut, das dem Besitzer gehört, also nicht bloss ein gepachtetes Gut oder Lehengut darstellt, oder überhaupt: Ein Gut, das zum Privatland, und nicht zur Allmend gehört. Ein begriffliches Gegenstück hierzu böte der ebenfalls am oberen Grabser Berg gelegene Weiler Lehn, wo einmal ein (obrigkeitliches) Lehengut lag.

Auch dieser Ansatz scheint – jedenfalls von der Sache her – durchaus plausibel. In Am Grabser Berg gab es etwa einen (heute unbekannten) Maienberg, der †Eigen hiess (1537 «guot gelegen uff dem meien ses genampt das Eigen», 1755 «Mayenberg auff dem Eigen genant»). Und nicht nur hier - wie sich der zentralen Datenbank der schweizerischen Ortsnamenforschung (ortsnamen.ch/de/) entnehmen lässt, gibt es den Namentyp Eigen nicht weniger als 175mal über die ganze deutsche Schweiz hinweg (ohne Graubünden und Wallis).

Betrachten wir nun die von Jakob Eggenberger erwogene Verbindung auch in Bezug auf ihre lautliche Wahrscheinlichkeit. Nach seiner These entwickelte sich *Eigenberg zu Eg(g)enberg über zwei Stufen:

1) das Wort eigen (mundartlich: äige) lautete älter als ääge.

2) der ursprüngliche Name *Ääge Berg wurde dann zu Éége Berg angehoben.

Überprüfen wir zunächst (in einem kleinen Exkurs) den ersten Punkt, die mundartliche Entwicklung von mittelhochdeutsch -ei-. Die sogenannte Monophthongierung von ahd. ei zu -ää- (usw.) ist hierzulande wohlbekannt: In ganz Südvorarlberg und Liechtenstein sagt man lääb ‘Laib’, zääge ‘zeigen’, tääle ‘teilen’, ääge ‘eigen’ und ähnlich (in Bendern, Gamprin, Ruggell lòòb, in Eschen, Mauren laab). Auch in Südvorarlberg haben wir mal -aa- (Satteins), mal -ää-. Montafon hat-èè-, und diese Lautung findet sich dann auch im Appenzellerland wieder. Im Vorarlberger Rheintal sagt man lòeb, ebenso im schweiz. Rheintal bis Sax herauf (nur Sennwald hat laab).

In Gams tritt die alte -ää-Stufe noch in gewissen Stellungen auf: er mänt ‘er meint’, s Häämet ‘das Heimwesen’, änn ‘ein’, ääni ‘eine’, änzig ‘einzig’, Gmäänd ‘Gemeinde’, näse ‘irgendwann’, Zääne ‘Zaine’. Heute wird gemeinhin geglaubt, damit sei die -ää-Zone fertig – nur Gams, und dann nichts mehr! Dem ist aber nicht ganz so: Grabs sagt auch noch zwää für ‘zwei’ (neutr.), im Unterschied zu weiter südlich zwäi, ferner erinnere ich mich noch an den affektischen Ausruf nää! für ‘nein’ (heute nur noch: nääi) am Grabser Berg. Auch das Grabser Wort Hämsch-chue ‘Heimkuh’ ist zu erwähnen, die altes *hämsch ‘heimisch’ enthält, welches Wort man für sich allein nicht mehr kennt. Dann auch das Partizip pmäät ‘gemäht’ (zu määje ‘mähen’: schon die Buchser sagen dagegen gmääit), oder das zur Winterszeit am Berg früher allgegenwärtige Wort G’wääte f. ‘Schneewächte’ (aus: Ge-wäite, zum Verb wääje ‘wehen, verwehen, verblasen’).

All diese Beispiele zeigen, dass auch am Grabser Berg noch viele solche -ä-Formen aus ursprünglichem -ei- vorkommen, wenn auch nur noch relikthaft, also eher im Rückgang begriffen. Damit ist es durchaus möglich, dass man älter hier eben auch ääge für 'eigen' sagte. Ein mundartliches *Äägeberg ‘eigenes Berggut’ ist also für den Grabser Berg sprachlich plausibel.

Allerdings - die zweite Annahme ist schwerer zu begründen: Warum hätte das ää- zu éé- (Éégeberg) angehoben werden sollen? Der Name war ja deutsch, er wurde durchaus verstanden, und genau dadurch leuchtet eine solche den Sinn verschleiernde Entwicklung schwerlich ein. Bedenken erweckt weiter auch der Umstand, dass in den alten Schreibungen nirgendwo eine Spur des angeblichen alten Diphthongs Ei- zu finden ist (also etwa als geschriebenes *Eigenberg). Hier liegt das eigentliche Unerklärte dieses Deutungsansatzes.

Zum Archiv