«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Federen

(Sevelen)

Wer in der Alp Imalschüel bekannt ist, der weiss vielleicht auch, wo die Weidehalde namens Federen zu suchen ist. Westlich über den Obersess-Alpgebäuden steigt sie, im unteren Teil flacher und nach oben steil, gegen das von Felswändchen durchsetzte Steilgebiet Chrutplangge hinan, etwa von 1750 bis 1900 m über Meer. Darüber erhebt sich der Berggipfel Gärtlichopf. Obwohl die Bezeichnung in der Federen mundartlich transparent zu sein scheint, liegt der Fall bei näherer Betrachtung nicht so einfach. Mundartlich Federe jedenfalls (als ‘Hühnerfeder’, ‘Bettfeder’, ‘Nutfeder’ oder ‘Schreibfeder’) scheint kaum aussichtsreich für eine plausible Deutung. Die Erklärungsversuche gehen denn auch recht weit auseinander.

Der Seveler Dorfarzt Heinrich Gabathuler (1871-1955), ein tüchtiger Hobby-Namenforscher, kenntnisreicher Volkskundler und waschechter Wartauer, hat uns zwei Büchlein hinterlassen, die an seiner klassischen Schulung ebensowenig Zweifel lassen wie an seiner Vertrautheit mit der heimatlichen Landschaft. Davon zeugen schon die noch immer lesenswerten Vorreden in seinen Büchlein, in denen er sein Vorgehen kundig und bescheiden darlegt. So steht in seinem Büchlein Orts- und Flurnamen der Gemeinden Wartau und Sevelen (Gabathuler 1928, 6): «Der Schwierigkeit meiner Aufgabe bin ich mir voll bewusst und auch dessen, dass meine Sprachkenntnisse recht dürftig sind. Wenn ich mich trotzdem von meinem Unterfangen nicht zurückschrecken lasse, so liegt der Grund hiefür darin, dass ich über eine gute Ortskenntnis im weiten Sinne des Wortes für dieses kleine Gebiet verfüge und dass mich Heimatliebe dazu zwingt, meinen Landsleuten einen Teil ihrer Geschichte, der bisher in schleierhaftem Nebel lag, in rosigem Frühlicht zu zeigen. Ich schreibe also für meine Seveler und Wartauer, und wenn dann ein Sprachgelehrter vom Fach für ihn Brauchbares findet oder auch Kritik übt, so wird mich das freuen, weil beides der Sache dienen wird.»

Die Forschung hatte damals noch nicht den heutigen Stand erreicht. Insbesondere kursierten zu den ältesten, in die vorchristliche Zeit zurückweisenden Namenwörtern damals und auch seither noch Theorien, von denen man grösstenteils wieder Abstand genommen hat – ohne dass deswegen die damit zusammenhängenden Fragen gelöst wären.

Am wenigsten umstritten sind unter der vorchristlichen Schicht die gallischen - also keltischen - Namen, die besonders rechts des Rheins, im Sarganserland und in Graubünden vorkommen (etwa Göfis, Tosters, Schlins, Bendern, Eschen, Mäls, Mels, Tscherlach, Prättigau, Zizers, Chur). Ihre Deutung gilt als einigermassen gesichert. Dagegen muss die Herkunft der noch älteren und als «rätisch» bezeichneten Namen (wie Bludenz, Bürs, Nüziders, Schnifis, Tisis, Götzis, Plessur, Peist) weiterhin offengelassen werden. Wohl fehlt es nicht an älteren und jüngeren Versuchen, die Räter und das Rätische mit anderen Völkern und Sprachen der Antike zu verbinden – etwa dem Etruskischen Italiens, dem Illyrischen der nordwestlichen Balkanhalbinsel, dem antiken Ligurischen des Mittelmeerraums oder gar dem Semitischen des Nahen Ostens. Diese Anknüpfungsversuche wurden teils sehr kontrovers diskutiert, gelten aber zum Teil als irrig; andere sind weiterhin im Gespräch. Ein Teil von ihnen gehört nicht der grossen indoeuropäischen Sprachenfamilie an (so das Etruskische, das Ligurische, das Semitische), während andere (das Illyrische und das Keltische) indogermanisch sind – wie natürlich auch das Griechische, das Latein (mit den romanischen Sprachen) oder das Germanische und das Slawische.

Hier kehren wir wieder zu unserem Heinrich Gabathuler zurück. Er schreibt (1928): «Wer die Rätier waren […] und was für eine Sprache sie redeten, wissen wir nicht. Weitgehende Folgerungen und Schlüsse hierüber aus dem vorhandenen keltischen und wohl auch etruskischen Sprachgut des Alpenlandes zu ziehen, wage ich nicht.» In der Vorrede zur 2. Auflage seines Büchleins (Gabathuler 1944, 5) wird er etwas ausführlicher, und er folgt darin durchaus der Lehrmeinung seiner Zeit: «Die dritte und älteste Gruppe [von Ortsnamen], die vorrömische, ist regellos zerstreut. Ihre Vertreter sind im Jllyrischen, Ligurischen und Keltischen zu suchen. Etruskische Namen scheinen bei uns zu fehlen.»

Daneben zeigt es sich bei der Durchsicht seiner Erklärungen, dass er auch bei deutschen Namen mit Vorliebe weit in die Vorzeit hinunter leuchtete, indem er offensichtlich auch ein Wörterbuch des Indogermanischen benutzte. So verbindet er manchen Werdenberger Namen in kühnem Schwung unmittelbar mit dieser (rekonstruierten) Ursprache (der Vorläuferin der indoeuropäischen Sprachenfamilie), wenn er etwa in einer Reihe von Namen auf Fal-/Fel-, Fl- ein gemeinsames Urwort sieht, in dem er eine Grundbedeutung ‘ausgebreitete, ausgeglichene Fläche’ sieht, und unter dem er nun Namen wie Flegg, Filgurg, Fildritscha, Flat und auch deutsch Feld (!) zusammenfasst. Hier ist sein Verfahren freilich anzufechten. Denn es müsste ja auch präzisiert werden, auf welchen konkreten Pfaden, über welche historischen Sprachschichten solche Bildungen vermittelt worden wären. Er aber greift oft allzu leicht eine passend scheinende Wortwurzel heraus, bereichert sie mit Verwandtem aus ganz unterschiedlichen Epochen und Einzelsprachen und kombiniert auch uralte Wortbedeutungen oft unmittelbar mit heutigen Verhältnissen. Das Verfahren wird, so gehandhabt, unwissenschaftlich und erzeugt vielfach ganz fragliche Schlussfolgerungen.

Ein Beispiel dafür ist der hier zu besprechende Name Federen. In der Ausgabe 1928 führt ihn Gabathuler zurück auf ein indogermanisches Grundwort fad ‘nähren, aufziehen’. Dazu gehöre lat. foetus ‘Sprössling, Leibesfrucht, was schwanger ist oder geboren hat’, ferner mittellateinisch feta ‘Schaf’ und altgermanisches fedan ‘füttern, aufziehen’. Der Name entspreche also, so folgert er, dem Begriff ‘Weide’ oder auch ‘Schafweide’. In der Ausgabe 1944 schreibt er (S. 27) ähnlich: «… gehört zu mittellateinisch feta ‘Schaf’, altgermanisch fedan ‘füttern’, hat also mit deutsch Federn nichts zu tun und bedeutet ‘Schafweide’». Man sieht, dass sich seine Deutung als ‘Schafweide’ zum einen auf feta ‘Schaf’ abstützt, im zweiten Teil auf altgermanisch fedan ‘füttern’ (denn die Weide füttert das Schaf …). Das Verfahren, Bedeutungselemente nach Belieben aus ganz unterschiedlichen Abkömmlingen des Urworts herzuholen und dann zu einem passenden Ganzen (eben: feta x fedan = ‘Schafweide’) zu verschmelzen, ist abzulehnen, denn der Name kann ja nicht gleichzeitig lateinisch und altgermanisch sein …

Der Romanist Heinrich Schmid (Universität Zürich) hat in einer Untersuchung der Namenlandschaft «an der Westgrenze des Rätoromanischen» (vgl. Schmid 1980, 138) den Namen Federen dann unmittelbar zu lateinisch fetaria (‘Schafalp’), also einer Ableitung von feta ‘Schaf’, gestellt. Diese Deutung wird von Valentin Vincenz in seiner Untersuchung der romanischen Namen Sevelens (Vincenz 1983, 176) nicht abgelehnt, immerhin mit dem Hinweis versehen, dass das Wort feda ‘Schaf’ wenigstens heute im Bündnerromanischen nicht mehr vorhanden ist, wohl aber im Bergell weiterlebt. Er weist allerdings gleich darauf hin, dass es für die Deutung dennoch in Frage kommt: Dies zeigt ein Name wie Fadära (Seewis), der eindeutig auf lat. fetaria ‘Schafweide’ zurückgeht - womit klar ist, dass feta auch hierzulande einmal gelebt haben muss.

Da bliebe nur noch der Betonungsunterschied zwischen Fadära und Federen zu erklären, was aber leicht zu machen ist: Bei früher Übernahme romanischer Namen durch alamannische Siedler kam es bekanntlich zum Akzentrückzug, d. h. zur Verschiebung der Betonung von der zweiten Silbe (im Romanischen) auf den Wortanfang (im Deutschen) - gleich wie Gämpelen aus romanisch campell oder Runggels aus runcaglia. Damit ist dies zweifellos die wahrscheinlichste Deutungsvariante für unseren Namen, wenn auch nicht die einzige.

Als zweite Möglichkeit der Herleitung erwägt Vincenz, den Geländenamen Federen mit dem Familiennamen Federer ‘Jäger auf Federwild’ zu verbinden. Ein entsprechender Bezug zum hochgelegenen Weidenamen scheint allerdings sprachlich nicht ganz leicht herzustellen, auch wenn der Gedanke an die Jagd etwa auf Auerwild an sich nicht unplausibel schiene.

Eine dritte Erklärungsmöglichkeit – auch sie von begrenzter Wahrscheinlichkeit – nimmt Bezug auf das in den alpinschweizerdeutschen Mundarten verbreitete Wort Fad (n.) für ‘begraster Streifen in steilem, felsigem Gelände, der sich zwischen Felsen durchzieht und meist nur dem Wild oder den Jägern noch den Durchstieg erlaubt’. Die Mehrzahl dazu ist: in den Fed(en). Von der Lage des Ortes her wäre der Ansatz plausibel; und auch hinsichtlich der Verbreitungszone des Wortes würden sich keine Einwände erheben: Es findet sich im Wallis, im Berner Oberland, in der Innerschweiz und in den Walserkolonien. Den Walsern von Palfris und vom Walserberg (und allenfalls gar am Seveler Berg selbst) war es demnach wohl ebenso bekannt. Probleme bereitet hier allerdings die Namensform Federen statt zu erwartendem [in den] *Feden; sie könnte allerdings durch spätere Veränderung bewirkt worden sein.

Der Fall zeigt, dass auf der Suche nach der Erklärung oft mehrere Spuren verfolgt werden müssen, und dass nicht immer ein eindeutiger Entscheid möglich ist.

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