Um ein Haar wäre dieser sonderbare Name in Vergessenheit geraten. Wenn ich damals, im Jahr 1965, nicht den Grabserberger Bauern und Sennen Andreas Stricker-Gantenbein (1900-1978) vom Forst, genannt «dr Oònsch», über die Geländenamen in Plisen und Neuenalp befragt und die Auskünfte aufgeschrieben hätte, dann wüsste heute kaum mehr jemand etwas von ihm. Mein damaliger Gewährsmann aber, der mit Weg und Steg sowie der überlieferten Namenwelt in unseren Alpen völlig vertraut war, kannte ihn noch. Doch, «in Figgooltrejä», so heisse ein steiles Wegstück im Gebiet zwischen den Alpen Mazils, Inggadells und Gams, im oberen Teil des Warmtobels – und er fügte schmunzelnd bei, dort habe einmal der Teufel einen Geissbuben «zerupft» («… heg me denn ggsäit» - dergestalt andeutend, dass nicht etwa er das erfunden habe ...).
Grenzen wir zunächst den so bezeichneten Geländeabschnitt näher ein: Er befindet sich im östlichen Randgebiet der Churfirsten, und zwar (laut Karte) an einem gegen das Warmtobel nordwestwärts abfallenden Hang: 200 m südsüdwestlich hinter dem Mazilszimmer, 150 m nordwestlich unter dem Mazilsbühel, 400 m ostsüdöstlich der Mittelstation Gamsalp, 400 m nordnordöstlich unter der Inggadellshütte.
Betrachten wir den Namen näher! Wer mit der älteren Mundart vertraut ist, sieht sogleich, dass sich dieser in die zwei Teile Figgòòl und Tréie(n) aufteilen lässt: Das Grundwort der Zusammensetzung ist Tréie(n), und dieses wird durch das Element Figgòòl- näher bestimmt. In bergbäuerlichen Kreisen und namentlich bei älteren einheimischen Älplern gehört das Wort Tréie (man könnte auch Treije schreiben) noch zum alltäglichen Wortschatz. Es bedeutet in der Einzahl ein ‘Viehtriebweglein zur Allmend oder in der Alp’, in der Mehrzahl (oft auch verkleinernd als Treijeli n. pl. verwendet) ‘die vom grasenden Vieh an den steilen Weidhängen herrührenden, horizontal übereinander verlaufenden, treppenartigen Reihen von Stapfen und Tritten’.

Ausschnitt aus der Flurnamenkarte von Grabs. Wir befinden uns im Alpgebiet von Neuenalp, am östlichen Rand der Churfirstenkette, östlich der Alp Gams. Der grüne Pfeil verweist auf die Wegstelle namens Figgoltreien (dort geschrieben -treia), oben im nordwärts abfallenden Geländeeinschnitt genannt Warmtobel. Werdenberger Namenbuch.
Das Wort aus der hiesigen Älplersprache lebt vor allem auch in Geländenamen weiter. So etwa als Treienplatten, Breiten Treien, Schmalen Treien (Wartau), Wassertreien, Glannatreien, Parbielertreien, Mittler Treien (Sevelen), Fässlerentreien (Buchs), Stubentreien, Sauentreien, Leimigen Treien (Grabs). Auffälligerweise findet sich das Wort in Gams und Sennwald nicht mehr. Als Trüia tritt es im Liechtensteiner Oberland auf: Hirschtrüia, Ruchtrüia, Dräiaresle [!] (Balzers), Hobeltrüia, Zwöschet da Trüia (Triesen), Bergtrüia (Vaduz), Obera/Undera Trüia (Schaan). In der Südvorarlberger Namenwelt treffen wir den Worttyp häufig: Treiaboden (Bludenz), Truiatobel (Dalaas), Tröja (Klösterle), Alptröja (Lorüns), Tröja (Tschagguns), Tröja, Troja (Gaschurn), Trüaja (Brand). Im Obertoggenburg finden sich ebenfalls Spuren des Ausdrucks, nämlich in den Namen Trijen (Krummenau), Trijenweid (Nesslau), Dreien (Mosnang). Im Sarganserland haben wir je ein Treia in Mels, Walenstadt, Ragaz. Auch über ganz Deutschbünden hinweg ist der Typ als Name verbreitet, als Traia, Träi(a), Treia, Treüwa, Tröia, Tröüja, Trüeja, Trüöa, auch walserisch verkleinernd als Treitschi.
Der Worttyp Treije ist uralt. Er geht auf eine (rekonstruierte) vorrömische Wortsippe *trogio- ‘Fussweg, Steig, Holzschleife’ zurück, die in derselben Bedeutung auch als surselv. trutg m. und engad. truoi m. ins Romanische übernommen wurde. Daneben drang der nun romanische Ausdruck früh auch als Lehnwort Treije, Trüia f./m. ins benachbarte Alemannische des voralpinen und alpinen Raumes ein – die lautliche Ähnlichkeit von engad. truoi und Trüia springt ja ins Auge.
Damit ist der hintere Teil unseres Grabser Namens Figgoltreien sicher hinreichend dokumentiert und auch hergeleitet. Wenden wir uns daher dem vorderen Element zu.
Wie erklärt sich dieses wunderliche Figgol-? Zu ihm kannten wir keine älteren Erklärungsversuche, die wir hätten prüfen, auf die wir uns hätten stützen können – kein Nachschlagewerk, das uns weitergebracht hätte, enthielt den Fall. Niemand hatte sich – zumindest meines Wissens – jemals mit diesem der Öffentlichkeit gänzlich unbekannten lokalen Fall befasst. Er lebte als Geländename nur in den Köpfen der ortskundigen einheimischen Sennen und Bauern, und seit 1966 figurierte er nun zusätzlich auch in meiner in Karteiform angelegten Ortsnamensammlung sowie als lokalisierte, d. h. von Hand eingetragene Nummer auf meiner damaligen stummen Grabser Karte (1:10'000), meinem wichtigsten Arbeitsinstrument (ohne das sich die seither gedruckt erschienene Flurnamenkarte gar nicht hätte realisieren lassen).
Als ich zu Beginn der 1970er Jahre an die Ausarbeitung meiner Dissertation zu den romanischen Orts- und Flurnamen von Grabs ging, stand ich daher in Bezug auf unser Figgol- (wie so oft) mit leeren Händen da – einzig angewiesen auf die eigene Findigkeit, freilich auch unterstützt durch einen wachsenden landeskundlichen und fachlich-theoretischen Wissens- und Erfahrungshintergrund, den ich mir als Mitarbeiter am Forschungsinstitut des Dicziunari Rumantsch Grischun mit der Zeit erworben hatte. Hier, am Nationalen Wörterbuch zum Rätoromanischen, meinem Churer Arbeitsplatz, stand ich in den Jahren 1971-1975 auch in täglicher Tuchfühlung mit dem Altmeister der bündnerischen Namen- und Sprachforschung, Dr. Andrea Schorta (dessen Förderung ich dankbar gedenke).
Ich hatte mittlerweile gelernt, bei der Namendeutung möglichst an alles zu denken, vor allem auch jede formale und bedeutungsmässige Auffälligkeit mit in Betracht zu ziehen. Dazu gehörte auch, stets auch das ganze Namenumfeld der Region im Auge zu behalten. Das hiess unter anderem auch, nicht ausser acht zu lassen, dass Namen in historisch mehrsprachigen Zonen oft auch von einer Sprache in die andere übersetzt worden sind. Das heisst, man hat in solchen kniffligen Fällen stets auch die sprachlichen Gegebenheiten der beiden an der Namenlandschaft beteiligten Sprachgemeinschaften zu erwägen. Es kann ja hinter einem deutschen Namen durchaus auch ein gleichbedeutender älterer romanischer «Vorgänger» stecken! Schliesslich sieht man es einem deutschen Namen nicht an, ob er erst nach dem Sprachwechsel entstanden ist - oder ob er nicht vielleicht schon einen älteren romanischen Zwillingsbruder hatte, der während der Epoche der regionalen Zweisprachigkeit durch wörtliche Übersetzung ins Deutsche gelangt war.
Diese Überlegung muss mir vorgeschwebt haben, als mir auffiel, dass die Örtlichkeiten Figgoltreien und Warmtobel im Gelände nahe beieinander liegen - Warmtobel als grossräumiger Name, Figgoltreien als unbedeutender Geländepunkt. Lag es da nicht nahe, hinter Figgol- das stark entstellte romanische val caulda ‘warmes, d. h. windgeschütztes Tal’ zu vermuten?
Der unwillkürliche Gedanke verdichtete sich nach näherer Prüfung der Umstände zur Gewissheit: Warmtobel ist die deutsche Übersetzung zu val caulda! Das Benennungsmotiv des ‘windgeschützten Taleinschnitts’ hatten also schon unsere romanischen Vorväter zum Ausdruck gebracht. Und val caulda wurde in deutschem Munde schliesslich zu Figgol- verändert (der Romane würde sagen: «verunstaltet»).
Mit dem Aufkommen des deutschen Übersetzungsnamens Warmtobel büsste der romanische Ursprungsname val caulda seine einst dominante Stellung als Grossraumname ein und fristete fortan als Figgol- in der Bezeichnung einer unscheinbaren Wegstelle ein bescheidenes Dasein am Rande des geschützten Taleinschnitts, der nun nur noch Warmtobel hiess.
Dass es zur Verbindung von Figgol mit dem dt. Reliktwort Treije kam, lässt durchaus darauf schliessen, dass der alte Name des Warmtobels, romanisch val caulda, auch nach dem Sprachwechsel zum Deutschen und neben dem aufkommenden deutschen Warmtobel-Namen, durchaus noch eine Zeitlang gelebt haben muss.
Ganz allein steht unser romanischer Name (lat. vallis cálida) in der weiteren Umgebung nicht da. Gleicher Herkunft sind Valcalda (Seewis) und wohl auch das Montafoner Vergalda (St.Gallenkirch). Auch der ausgestorbene Name †Figol (Buchs), eine heute unbekannte Örtlichkeit im Raum Rietli-Flat-Räfis (also offenbar im windgeschützten Winkel bei Flat!) darf zu der Gruppe gezählt werden. Er teilt mit unserem Grabser Figgol- die hauptsächlichen Entwicklungsschritte nach dem Sprachwechsel, nämlich einerseits den Ausfall des Schluss-a von val caulda zu *valcaul(d) (was bei uns die Regel ist, vgl. auch cresta > Grist, quadra > Quader), und andererseits den allmählichen Übergang von *falcold zu *fa(r)col(d) und schliesslich zu figgol.
Unser Fall zeigt schön, dass oft auch eine gute Prise Intuition («Bauchgefühl») zum Erfolg beitragen kann. So gesehen, ist das Wirken von Intuition weit entfernt von planlosem Drauflosfantasieren, gegen das die Namenforschung nicht selten auch anzukämpfen hat.
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