«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Finegg

(Buchs)

So heisst ein Berggut am sĂŒdlichen Buchser Berg, auf rund 940 m ĂŒ. M., unweit der Seveler Grenze gelegen, ĂŒber dem Mueterguet und nördlich vom WaldstĂŒck Xander und dem Seveler Berggut Munternust, etwa 800 m sĂŒdlich vom Steinrangg. Von dieser Kehre beim Sendeturm aus der Strasse bergwĂ€rts in sĂŒdlicher Richtung weiter folgend, kommt man, vorbei an Hölzlisberg und Gebhardsberg, nach etwa 500 m durch einen kleinen Tobeleinschnitt (Töbeli), dann am Gut Brunnenbett vorbei zum flachen Berggut namens Boden. Von hier aus hat man, wie ĂŒberall am oberen Buchserberg, eine prĂ€chtige Fernsicht auf das Rheintal, und gleich unterhalb der Strasse erkennt man nun im abfallenden GelĂ€nde das Gut Finegg mit dem langen Maienbergstall.

Die Buchserin Lita (Hippolyta) Senn-Rohrer (1878-1974), wohnhaft auf dem Wuhr, Buchs, hat sich um die Heimatkunde ihrer Gemeinde in besonderer Weise verdient gemacht hat («Stubeti-Lieder aus dem Werdenberg»). Sie stellte um 1931 auch eine Sammlung von Buchser Flurnamen zusammen, die wir viel spĂ€ter dann fĂŒr das Werdenberger Namenbuch haben auswerten können. Es handelt sich um handschriftliche EintrĂ€ge in einem gelben Heft mit gedruckter Tabellierung. Offensichtlich war es der BĂŒndner Sprachforscher Dr. Robert von Planta, der BegrĂŒnder des RĂ€tischen Namenbuches und des Dicziunari Rumantsch Grischun, der ihr das Heft ĂŒbergeben hatte, weil er seine Nachforschungen ursprĂŒnglich in den altromanischen Raum weit ĂŒber die Grenze GraubĂŒndens hinaus ausgedehnt hatte.

Das Berggut Finegg (rot markiert) am sĂŒdlichen Buchser Berg, unweit der Seveler Grenze auf rund 950 m ĂŒ. M. Ausschnitt der Flurnamenkarte von Buchs (Werdenberger Namenbuch).

In dieser Liste nun erscheint auch unser Name Finegg. Lita Senn schreibt dazu nur: «Plutter Gletscherfels in der alten Buchserbergstrasse». Wir erkennen daraus freilich nicht, ob sie damit nur an den felsigen Untergrund erinnern wollte, der dort den Strassenbau erschwerte, oder ob sie damit auch eine sprachliche AnknĂŒpfung andeuten wollte.

Andere Ă€ltere Urteile sind uns zu diesem Fall nicht bekannt geworden. Wir mĂŒssen also selbst weiterschauen.

Eine erste Beobachtung zu unserem Namen betrifft sein grammatisches Geschlecht: Finegg wird sĂ€chlich und weiblich gebraucht. Die einen gehen also «ins Finegg», andere wieder sind «in der Finegg». Ob dieses Schwanken alt ist oder einer jĂŒngeren Unsicherheit entspringt, ist nicht mehr sicher zu erkennen. Jedenfalls aber hĂ€ngt es mit der Zweideutigkeit des Mundartwortes Egg zusammen, das es einerseits als «das Egg» gibt in der Bedeutung ‘Ecke im GelĂ€nde, (vor- oder einspringender) Winkel’, andererseits als «die Egg» fĂŒr ‘in Fallrichtung verlaufende GelĂ€ndekante’.

 Das Berggut Finegg, von oben gesehen. Hinter den BÀumen das Ober Mueterguet; im Tal das Industriequartier von Buchs, in Bildmitte hinten der Eschner Berg, rechts hinten Feldkirch (Vorarlberg). Bild: Werdenberger Namenbuch.

Also vielleicht *Fin-Egg, eine Ecke oder GelĂ€ndekante bei einer Örtlichkeit, die einmal *Fin(a) geheissen hĂ€tte? Das scheint nicht unmöglich, bleibt aber doch ganz unsicher, denn zum einen ist im GelĂ€nde keine auffĂ€llige Ecke oder Kante zu erkennen, und zum andern ist in dieser Gegend von einer Ă€lteren GelĂ€ndebezeichnung *Fin(a) auch nichts bekannt. In der weiteren Umgebung allerdings kommt Fina als Name sehr wohl vor, so etwa in Frastanz (zwischen AmerlĂŒgen und Fellengatter), in Schaan (bei Bartledura) und in Triesen (im Feld), ebenso in Sevelen (in der Alp Altsess). Sie alle gehen auf eine Ă€ltere Form *Rovina zurĂŒck, die im Deutschen zu Fina gekĂŒrzt wurde. Altromanisch rovina hiess ‘RĂŒfe, Geröllhalde, Erdrutsch, Schlipf’. Ob dafĂŒr am besagten Ort am Buchser Berg die konkreten Voraussetzungen gegeben wĂ€ren, kann ich nicht sagen; grundsĂ€tzlich ausgeschlossen ist es sicher nicht.

Es ist aber noch eine zweite FĂ€hrte zu verfolgen, welche nun weder mit deutsch Egg noch mit romanisch *rovina zu tun hĂ€tte. Wir kennen in Grabs einen ausgestorbenen Namen †Filegg; er bezeichnete ein Gut am Studner Berg, oberhalb Prestenegg gelegen. Dieser lautete 1463 noch valegk, 1615 vileck, 1630 vil Eckh. Weiter liegt in Sevelen ein Berggut namens Flegg (zwischen St.Ulrich und der Steig), das aus Ă€lter †Valegg gekĂŒrzt (synkopiert) worden ist. Mit diesen FĂ€llen lĂ€sst sich unser Finegg sehr wohl auch vergleichen, falls nĂ€mlich diesem ein ursprĂŒngliches *Filegg vorausgegangen wĂ€re, was möglich erscheint.

Dann nĂ€mlich lĂ€sst sich auch unser Name (wie die anderen erwĂ€hnten) plausibel als Fortsetzung von romanisch faletga f. ‘mit Farnkraut bewachsener Ort’ verstehen. Solche Farn-Namen sind auch sonst recht gut vertreten bei uns: Man vergleiche die deutschen Formen Farnen (Sennwald), Farnboden (Grabs, Sevelen), Farnegg (Grabs), Farnrain (Grabs), FarnrĂŒchi (Grabs), Farntole (Grabs), Farnwinggel (Gams), Farnzug (Grabs), dann aber auch die romanischen Abkömmlinge von lat. filex, filice f. ‘Farnkraut’, zu denen nebst dem oben erwĂ€hnten faletga-Typ auch die etwas anders gestalteten Namen Flied (Wartau), FergĂ€r (Sevelen), FilgĂ€rsch und FilgĂ€rst (beide Wartau) etymologisch gehören. NĂ€heres zu diesen Varianten findet man im Werdenberger Namenbuch, Bd. 7, 170, unter faletga.

Wie sich nachlesen lĂ€sst, besiedeln Farne weltweit unterschiedliche LebensrĂ€ume; sie bevorzugen aber meist eher feuchte Standorte, schattige PlĂ€tze, oft im Wald und in der NĂ€he von GewĂ€ssern. Die Pflanze wurde frĂŒher auch in der Heilkunde verwendet, und sie nahm mit den angeblich wunderbaren KrĂ€ften des Farnsamens im Aberglauben vieler Völker eine bedeutende Stellung ein (siehe dazu das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 2 [1930], Sp.1215ff.).

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