«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Grib

(Sevelen)

So heisst ein grosser Dorfteil in Sevelen, östlich der Histengass, am südöstlichen Dorfrand befindlich. Das Gebiet liegt zwischen Fälsli und Grüel, und es erstreckt sich von Herrenberg und Baggastiel südwärts bis zum Talhügelchen Jochemsbüel. Grib ist die jüngere, heute gebräuchliche Kurzform eines vormals längeren Gebildes: Älter, das heisst, seit Beginn der Überlieferung im Jahr 1597, kreisen die Schreibungen des Geländenamens um eine Sprechform Inagrib. So, und teils auch (N)agrib, hiess der Ort seit Jahrhunderten - erst im Helvetischen Kataster von 1801 taucht dann das gekürzte Grib auf.

Uns stellen sich hier die folgenden Fragen: a) Wie wurde der Name bei den älteren Autoren gedeutet? b) Wie verhält sich die heutige Kurzform Grib zu älterem Inagrib? c) Wie ist letztere Form zusammengesetzt? d) Welcher Sprache entstammt der Name und was bedeutet er? e) Worauf weist er also im Gelände hin?

Blick vom Fälsli her auf das Wohngebiet Grib. Links hinten erhebt sich der Storchenbüel, rechts aussen angeschnitten der Jochemsbüel. Etwa in Bildmitte, hinter Grib, liegt Grüel. Im Hintergrund rechts erkennt man Schloss Vaduz. Bild: Werdenberger Namenbuch.

Beginnen wir mit den Mutmassungen der älteren Namendeuter! Den Anfang machte 1890 David Heinrich Hilty (bzw. der Übersetzer seiner Arbeit ins Romanische, der Münstertaler Thomas Gross). Zunächst beschrieb Hilty den Ort als gutes, vom Seveler Bach aufgeschwemmtes Ackerland, worauf dann Gross vermutete: «Probabel griblaivan qui il sablun fin», das heisst übersetzt: ‘wahrscheinlich siebten sie hier den feinen Sand’ (!). Der naive Versuch, romanisch criblar ‘sieben, durch ein Sieb schütten’ (aus lat. cribrare) mit Grib zu verknüpfen, ist allerdings nicht nur lebensfremd – er ist auch sprachlich untauglich. Die lautliche Nähe zu unserem Grib ist, wie wir sehen werden, keine ursprüngliche, der ganze Ansatz ist konstruiert und künstlich.

Heinrich Gabathuler (1928, ähnlich 1944) greift dann weit (viel zu weit) in die Vorgeschichte zurück. Er will, wiederum unter Berufung auf den «Schuttkegel des Seveler Baches», ein indogermanisches Urwort grub ‘zermalmen’ (Kies) ansetzen, das nach ihm mit rtr. grava ‘Schutt’ «urverwandt» sein soll. Woher Gabathuler diese - seine Fachkompetenz weit übersteigende - Annahme hat, bleibt allerdings offen, und wir können diese Frage auch dahingestellt sein lassen, kommt doch ein Zusammenhang unseres Namens Grib mit rtr. grava ohnehin nicht in Frage.

Ausschnitt aus der Seveler Flurnamenkarte. Werdenberger Namenbuch.

Ich selbst habe in einer 1976 erschienenen Abhandlung über die in Werdenberg und Umgebung häufig vorkommenden romanischen Namen, verbunden mit deutscher Ortspräposition (Typ Amperdeila < an Perdeila, Imalbun < in Malbun), erkannt, dass es sich bei Grib bzw. Inagrib um einen ebensolchen Fall handelt: in + (N)agrib.

Damit steht schon einmal fest, dass die Deutungsarbeit nicht bei Grib anzusetzen hat, sondern den ungekürzten Namen, Inagrib, ins Auge fassen muss. Hier bitte ich, die folgende Darstellung in unserer Webseite nachzuschlagen, nämlich  den Absatz «Deutsche Ortspräposition verbunden mit romanischen Namen»: https://www.werdenberger-namenbuch.ch/werdenberg/sprache/vom-romanischen-zum-deutschen/deutsche-ortspraeposition-verbunden-mit-romanischen-namen/. Wie es zum Typus der Kurzform Grib kam, habe ich dort breit dargestellt. Man findet eine Reihe entsprechender Einzelfälle – zu denen übrigens auch der Fall Grüel (Sevelen, älter Inagrüel) zählt: das ist Wiesland in unmittelbarer Nähe von Grib, etwas weiter östlich gelegen.

Es geht also einerseits um die Verbindung eines romanischen Namens vom Typ (N)agrib mit deutsch in zu Inagrib, andererseits um die spätere Entstehung einer Kurzform Grib aus Inagrib. Der besagte stark regionaltypische Kürzungsmechanismus (Averschnära > Schnära, Impertätsch > Tätsch, Inagrib > Grib, Inagrüel > Grüel, usw.) wird in der Darstellung auf der Webseite im Abschnitt «Eigenartige Stellung in syntaktischer Hinsicht» unter Punkt 3 dargestellt. Darauf sei hier für näher Interessierte verwiesen. Ansonsten nur so viel: Wir wissen, dass im Romanischen (und auch in unseren romanischen Reliktnamen) die Wortbetonung gerne auf der zweiten (oder auch dritten) Silbe liegt, während das Alemannische dafür bekannt ist, Wörter und Namen lieber auf der ersten Silbe zu betonen. Unsere romanischen Flurnamen befinden sich seit dem Sprachwechsel zum Deutschen im Spannungsfeld dieses Strukturunterschieds. Zunächst wurde durch die Verbindung von An- und In- mit romanischen Namen hier eine gewisse Abhilfe geschaffen. Mit dem stetig wachsenden alemannischen Einfluss («Verdeutschungsdruck») verstärkte sich nun aber zusätzlich noch die Tendenz zur Bildung einsilbiger Kurznamen (Grib) aus «romanisch betonten» längeren Gebilden (Inagrib). Denn mit Grib und Grüel oder Tätsch und Schnära war nun ein typisch «deutsches» Betonungsschema erreicht, das ganz in die Sprechweise der alemannischsprachigen Bevölkerung integriert war.

Von der ostwärts verlaufenden Gribstrasse zweigt der Gribweg südwärts ab. Bild: Werdenberger Namenbuch.

Seit Valentin Vincenz (1983) die Seveler Namen bearbeitet hat, gilt der Name Grib als erklärt. Die altromanische Form muss *nugarieu gelautet haben, woraus dann nag’riu > nagriw und nagrib wurde. Letzteres verband sich dann mit der deutschen Ortspräposition in zu In-nagrib > Inagrib.; später kam dann noch die Kürzung zu Grib.

Und was steckt in *nugarieu? Es ist das Wort für ‘Nussbaum’. Dieser heisst auf lat. nucarius, auf romanisch nugher. Ein ganzer Bestand an Nussbäumen hiess auf lateinisch nucari-etum, was auf altromanisch zu *nugarieu wurde. Das Wiesland namens Grib am Dorfrand von Sevelen war also zur Zeit der Namengebung vor rund tausend Jahren ein Ort, wo Nussbäume standen.

Die Gribstrasse im südlichen Dorfteil von Sevelen. Im Hintergrund links Triesenberg, rechts das Oberdorf von Triesen. Bild: Werdenberger Namenbuch.

Auffällig ist, dass das etwas weiter östlich gelegene Gebiet Grüel (älter Inagrüel) in denselben Sachzusammenhang gehört: lateinisch nucari-olu heisst ‘Nussbäumchen’, daraus wurde altromanisch *nugarüöl, und nach der Verdeutschung entstanden Nagrüel, Inagrüel und die analoge Kurzform Grüel

Grüel und Grib haben also nicht bloss als Namen eine ganz ähnliche Entwicklung durchlaufen - sie zeugen auch gemeinsam von einer weit über tausendjährigen Kultivierung des Walnussbaumes in unserer Region, da dieser nicht nur wegen des Fruchtertrags, sondern auch wegen der Holznutzung begehrt war. Auch Sevelen war also ein «Nussdorf» (wie Frümsen in der Gemeinde Sennwald), und dies schon in der romanischen Frühzeit.

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