«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Grüzimues

(Sevelen)

Ein eigenartiger Name! Erinnert er nicht unwillkürlich an einen Haferbrei? Doch nein, es handelt sich ja um eine Geländebezeichnung: Die Seveler bezeichnen damit ein Stück Wies- und Ackerland nordwestlich des Dorfes, im südlichen Glatnerriet, also in der Talebene unweit des Berghangs, unter Sponna und Felggaua. In älterer Zeit war hier Riedland, ein Umstand, der bei der Suche nach der Herkunft des Namens im Auge zu behalten sein wird.

Erstmals erscheint der Name urkundlich im Jahr 1615 als grützimoss (in der «Seveler Spenn gült» im Landesarchiv Glarus), dann wieder um 1650 als grüzemoss (in einem Zins- und Pfandverzeichnis der Pfarrpfründe Sevelen, ebenfalls in Glarus liegend). Es fällt auf, dass der zweite Namensteil dort noch als -moss auftritt, was wohl als -moos zu lesen ist. Von 1675 an aber findet sich in der Belegreihe fast nur noch das noch heute gebräuchliche -mues; man vergleiche etwa: 1675 grütze muas, ~1720 grütze Muoss, 1722 grützi Moss, 1724 grüzi muss, 1726 grützi Muoss, usw. Da hat in der Zwischenzeit offensichtlich eine Umdeutung stattgefunden – aus dem Moos wurde ein Mues (ein «Brei») gemacht, sicherlich begünstigt durch den bereits vorliegenden ersten Namenteil grützi-, der offensichtlich in Verbindung gebracht wurde mit deutsch Grütze f. ‘geschälte, grobgemahlene Getreidekörner, Brei aus diesen Körnern’. Der Verdacht liegt nahe, dass es damit - was den Flurnamen angeht - kaum seine historische Richtigkeit haben dürfte, auch wenn die betreffende Vorstellung bis heute «beim Volk» lebendig ist.

Was aber dann? Unser einheimischer Namendeuter, Heinrich Gabathuler, hat in seinem ersten Büchlein (1928) den Namen nach seiner damaligen Vorliebe unmittelbar auf zwei indogermanische Wortwurzeln zurückführen wollen, nämlich (S. 27) auf ein Element grut ‘zerreiben’ (womit er mundartlich Gruttla ‘steiniger Grund, Gries, Grütze’ vergleicht), sowie (S. 65) auf ein Urwort mas ‘nass, saftig’. Daraus sollte sich nach ihm eine Namensbedeutung ‘sumpfiges Schuttland’ ergeben.

Auch im zweiten Büchlein (1944) behandelt Gabathuler den Namen Grüzimues (er schreibt -muos). Den Ort beschreibt er auch hier als «sumpfiges Schuttland», und im Einklang mit dieser Vorstellung steht nun auch seine Deutung. Freilich erläutert er diese nicht explizit – man muss sie vielmehr aus dem Zusammenhang erschliessen: So führt er den Namen auf im Verbund mit anderen Fällen, die er von der Wortfamilie um dt. Moos n. ‘Moor’ herleitet; und im ersten Namenteil sieht er deutsch Grütze ‘Brei aus Getreidekörnern’ – bzw. hier das mit Grütze tatsächlich verwandte Wort Griess ‘grobkörniger Sand’. So ergibt sich aus seiner Sicht wiederum die Bedeutung ‘sumpfiges Steingeröll’. Davon kann in Wirklichkeit allerdings nicht die Rede sein, und dies nicht nur, weil zum besagten Riedgebiet der angebliche «steinige Grund» ja auch nicht unbedingt passt.

Wir sind demnach noch nicht weitergekommen. Benützen wir also die Gelegenheit, nun auch die volkstümliche Überlieferung in Erinnerung zu rufen, welche sich gerade um diesen Ort rankt. Es ging nämlich in Sevelen die Sage, dass im Grüzimues ein nächtlicher Tanzplatz der Hexen sei, und dass kinderlose Frauen sich an diesen Ort begeben müssten, um fruchtbar zu werden.

Nun geht dem Bearbeiter das Licht auf! In der deutschen Schweiz dient ein Namentyp Giritzenmoos häufig zur Bezeichnung von Riedgebieten: So als Gritzenbüel Andwil, Giritzenweier Ossingen (ZH), Gritzenmatt Buchs (ZH), Giritz Steinhausen (ZG), Einsiedeln, Freienbach (SZ), Gritzimoos Uetendorf (BE), Giritzimoos Limpach (BE), Giriz Horriwil (SO), Girizenmoos Biberist (SO).

In der volkskundlichen Literatur ist nachzulesen, dass mit diesen meist abgelegenen und menschenleeren Räumen im Volksglauben der älteren Zeit eine Art Rügegericht verbunden war, bei dem alljährlich die noch Unverheirateten verspottet wurden. Der oberste Richter war der «Giritzenmoses», der die älteren Unverheirateten bestrafte, die jüngeren aber ins Giritzenmoos schickte, damit sie sich dort paarten. Dem Ritus liegt vermutlich ein vorchristlicher Aberglaube zugrunde, dem zufolge sich die (Un)fruchtbarkeit eines Wesens auf andere Menschen sowie auf Tiere und sogar Felder übertrug. Die Unfruchtbaren wurden in ein ödes Moorgebiet geführt, wo sie in Kiebitze verwandelt wurden, die als nebelhafte Sumpfgestalten bis zur Stunde der Erlösung herumwandeln mussten. Auch Jeremias Gotthelf kannte übrigens den Brauch. Wir lesen im 31. Kapitel seines «Bauernspiegel» (Birkhäuser Klassiker 52, Basel 1948, S. 379) von einer sitzengebliebenen Wirtstochter: «Sie war eine von denen gewesen, die obenhinaus wollen, ohne Ansprüche dafür zu haben, darüber war sie veraltet; um so verliebter ward sie, um so mehr ward ihr angst, sitzen zu bleiben; jedes Abendläuten schien ihr von dem Glöcklein auf dem Girizimoos herzukommen, welches die alten Töchter aus der ganzen Welt zum Kaffee zusammenklingelt

Heute ist der Brauch vergessen; er wurde dem Vernehmen nach zum letzten Mal ums Jahr 1870 beobachtet. Vgl. ausführlich Idiotikon 4, 470ff. In Band 7, S. 227 des Werdenberger Namenbuches finden sich weitere Literaturhinweise.

Der Kiebitz hiess älter schweizerdeutsch Giritz, und damit ist das Giritzenmoos zumindest sprachlich erklärt. Der Name des Vogels scheint von seinem kreischenden Geschrei auszugehen; man vergleiche das mundartliche Verb giiren 'girren, knarren, knirschen'. Zur Endung -itz bei Vogelnamen (sie kommt ursprünglich aus dem Slawischen) sei auch an den Girlitz, den Grünitz und den Stieglitz erinnert.

Warum die Verwandlung in Kiebitze? Das bleibt im Grunde rätselhaft. Im Grimm’schen Wörterbuch, Bd. 11, Sp. 657f., steht zum Vogel: «es knüpft sich übrigens mancher aberglaube an das thier, er gilt für ein unheimliches wesen, wie kauz und eule […], dient zu zauberei», und: «die alten jungfern müssen geibitzen hüten» (!).

In diesen ebenso urtümlichen wie merkwürdigen Zusammenhang also gehört das Seveler Grüzimues: Der dem ganzen Namentyp zugrundeliegende volkskundliche Hintergrund ist auch hier – in der für Sevelen bezeugten sagenhaften Überlieferung – eben noch in letzten Spuren greifbar. Dass aber im Werdenberg von jener archaischen Anschauung nicht mehr viel übriggeblieben ist, zeigt die Entstellung von altem *Gritzenmoos in ein ähnlich lautendes, jedoch hier gänzlich sinnentstelltes mundartliches «Grützenmues».

Auch in so verschobener Form aber lebt der Flurname, wie wir sehen, munter weiter und übt seine ortsidentifizierende Funktion unangefochten weiter aus. Denn nicht der «Sinn» (die ursprüngliche Wortbedeutung) gibt dem Namen seine Langlebigkeit, sondern seine Hauptaufgabe, die darin besteht, als Code, als Etikett, als «Erkennungsmarke» das Namengebiet zu verkörpern. So gesehen muss ein Name, um seine Pflicht als Ortsweiser zu erfüllen, auch gar nicht «verstanden» werden - es genügt, wenn er «gekannt» wird.

Das Suchen nach der Herkunft, nach dem Sinn der Namen aber bleibt auch immer eine spannende und kulturhistorisch aufschlussreiche Aufgabe.

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Hier geben wir noch den auf die Grüzimues-Sage bezogenen Text des Wartauer Mundartautors Heinrich Gabathuler («Wartauer Sagen» von 1938) wieder, und zwar in der Neubearbeitung von 1983 durch Jakob Gabathuler, BuchsDruck und Verlag, S. 64-68. Der Autor kannte offensichtlich eine Sprechform Chrüzimues.

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