Am östlichen Dorfrand von Gams, beidseits der Haagerstrasse, befindet sich ein ausgedehntes Quartier mit neueren Wohn- und Gewerbebauten. Das flache Gebiet namens Madrusa liegt unterhalb von Breite, Feld und Underfelsbach sowie oberhalb von Karmad und Pilgerbrunnen. Als Gebietsname war es frĂŒher noch ausgedehnter: sein nördlicher Teil wird heute als Neufeld bezeichnet. Hier sei noch vorausgeschickt, dass der Felsbach, der zentrale Bachlauf in der Gemeinde, der seit den 1920er Jahren dank einer kĂŒnstlichen EinmĂŒndung hinter MĂŒnschenberg mit dem Gasenzenbach zusammenfliesst, frĂŒher ĂŒber IraggĂ€ll und Lungalid herab durch das Dorf und in die Simmi floss, also auch mitten durch Madrusa. Wir werden weiter unten sehen, warum diese Bemerkung hier von Bedeutung ist. Auch liegen die Flurbezeichnungen Felsbach, Underfelsbach und Felsbachriet (letzteres unterhalb Karmad) entlang des einstigen Bachlaufes.
Wenden wir uns zunÀchst den Schreibungen des Namens zu. AuffÀllig ist, dass die Erstnennung im Gamser Gangbrief (um 1462) noch badrusen lautet («⊠durch die langen braitten vnd durch badrusen hin ab vnd ab gegen dem var gen Bender werts»: das «var» [= Fahr] meinte die FÀhre bei Bendern). Weiter finden sich die urkundlichen Belege 1552 badrusen, 1629 ihma drusen, 1710 Jmadrusen, 1749 Jmetrussen, 1788 Jmentrusen, 1797 Jme Drussen, 1801 Jmadrusen, Jmmendrusen. 1824 taucht dann nochmals das (wohl aus einer Àlteren Vorlage wiederbelebte) alte Badrusen auf.

Blick auf das Dorf Gams von SĂŒdosten her. Im Hintergrund die SĂŒdflanke des Alpsteins von Stauberen (rechts) ĂŒber Saxer Lugge und Kreuzberge bis zum Wildhauser Schafberg. Ganz vorne die kanalisierte Simmi; das Gebiet Madrusa in der Ăberbauung sieht man rechts der Bildmitte, links von den Gewerbebauten ganz rechts (Karmad, Pilgerbrunnen). Die Gamser BĂ€che (Simmi, Felsbach, Gasenzenbach) sind anlĂ€sslich der GewĂ€sserkorrektionen teils grossrĂ€umig umgeleitet worden. Von dem einst hier lagernden Bachgeschiebe ist lĂ€ngst nichts mehr zu sehen. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Wir sehen hier gleich, dass die typisch werdenbergische Tendenz der Verbindung romanischer Namen mit deutscher OrtsprĂ€position auch hier gewirkt hatte: aus romanischem /badrusa/ bzw. */madrusa/ wurde so mundartliches /imadrusa/ (analog etwa zu Ifadura, Ifermunt, Igadeel, IgalĂ€tscha, Imatschils, IraggĂ€ll, Iskafols, alle in Gams). In unserem Fall hat sich die i-Verbindung allerdings nicht bis heute gehalten, ist seit dem 19. Jh. wieder aufgegeben worden. Ăber die GrĂŒnde zu dieser Namenserweiterung (sowie hier zu deren RĂŒckgĂ€ngigmachung) mĂŒssen wir uns an dieser Stelle nicht weiter auslassen: sie wurde ausfĂŒhrlich behandelt in unserer Website unter https://www.werdenberger-namenbuch.ch/werdenberg/sprache/vom-romanischen-zum-deutschen/deutsche-ortspraeposition-verbunden-mit-romanischen-namen/.
Offenbar wurde die erwÀhnte Erweiterung schon auf der Àlteren Lautstufe /badrusa/ > /imbadrusa/ wirksam, wodurch dieses letztere dann zu /immadrusa/ assimiliert wurde, das dann schliesslich wieder zu /madrusa/ wurde. So lÀsst sich der eingetretene Lautwandel p- > m- am leichtesten verstehen.
Auch zur Schreibform Madrusen können wir uns kurzfassen: sie beruht auf deutscher Denkweise, indem der hier eigentlich vorhandene romanische Endvokal -a mit der vertrauten mundartlich-deutschen Endsilbe -e(n) zusammengeworfen wird â was eigentlich nicht richtig ist, denn Madrusa ist ja kein deutscher Name. Doch dieser Unterschied war den Leuten nicht bewusst. Wir wissen durch vielfache Beobachtung, dass diese Vermischung von romanischer und deutscher Endung hierzulande seit langem ĂŒblich war â so schreibt man auch in Grabs bis heute Spannen statt Spanna (aus roman. spu(o)nda f. âAbhangâ), oder in Wartau Gauen bei Azmoos statt Gaua (aus roman. coua f. âSchwanzâ).
Doch zurĂŒck zu unserem Fall! Wir möchten nun wissen, auf was fĂŒr ErklĂ€rungen die Namenforscher hier gekommen sind.
Theodor Schlatter («St.Gallische romanische Ortsnamen und Verwandtes», 1903) stellte «Madrusen, Matrusen bei Gams» zu lat. materia, materies âBauholzâ (daher auch von ihm eigens noch hervorgehobene, allerdings unechte Form Matrusen). Er wusste offensichtlich nichts von den Ă€lteren Formen auf B-, oder er nahm sie jedenfalls nicht ernst.
Johann StĂ€helin («Gams in vergangenen Tagen», 1960) wollte in Madrusen ein (sonst ganz unbekanntes) «Mader Drosa âErlenholzâ» (??) sehen â eine Erfindung, mit der nun freilich nichts anzufangen ist.
Erst bei Valentin Vincenz («Die romanischen Orts- und Flurnamen von Gams bis zum Hirschensprung», 1992) tritt die tatsĂ€chliche Herkunft des Namens ans Licht: Aufgrund zahlreicher ParallelfĂ€lle in GraubĂŒnden erkennt er in ihm altromanisch padrusa (das ist lat. petra f. âSteinâ, abgeleitet auf -osa), in der Bedeutung âsteinigâ, als Name etwa zu ĂŒbersetzen mit âauf den Steinenâ, fĂŒr ein Gebiet mit ausgedehntem abgelagerten Bachgeschiebe. Hier erklĂ€rt sich nun auch die Bedeutung des eingangs gemachten Hinweises auf den alten Verlauf des Felsbaches, der hier in der Tat viel Geröll im Untergrund zurĂŒckgelassen hat.
Da in romanisch padrusa ursprĂŒnglich ein Adjektiv zu sehen ist, stellt sich auch sogleich die Frage nach dem «verschwundenen» Substantiv. Offensichtlich geht der Name Madrusa (bzw. Ă€lter Padrusa) auf eine romanische Namenbildung /Substantiv + Adjektiv/ zurĂŒck, d. h. vermutlich ging dem Adjektiv padrusa einmal ein Hauptwort (etwa fĂŒr âGebiet, Feld, Ebeneâ), voraus; die vervollstĂ€ndigte Bedeutung des Namens wĂ€re dann etwa: âsteiniges Feld, steinige FlĂ€cheâ, was hier fĂŒr die Ă€lteren Zeiten sicher plausibel ist.
Vielleicht kann auch, mit direktem Bezug auf den Felsbach und sein Schuttfeld, romanisch *aual pedrus âsteiniger Bachâ (lat. aqualis petrosus) angesetzt werden, mit spĂ€terem Wegfall von aual, also mit KĂŒrzung zu *Padrus. In diesem Fall (aual ist ja maskulin) könnte das dann ĂŒberflĂŒssige Schluss-a (von urk. Badrusen bzw. Madrusa) auch als im Nachhinein erfolgte unorganische BeifĂŒgung verstanden werden. Auch dies lĂ€sst sich hĂ€ufig beobachten, z. B. im Namentyp Gamperdona, der eigentlich *Gamperdon lauten mĂŒsste (< camp rodund ârundes Feldâ). Solch unerwartete Fehlbildungen erklĂ€ren sich allgemein durch das enge Nebeneinander von Romanisch und Deutsch in der Zeit des sprachlichen Ăbergangs, wo richtig und falsch den zwischen zwei Sprachen stehenden Sprechern oftmals durcheinandergerieten.
Unser Namentyp ist ĂŒbrigens auch in GraubĂŒnden hĂ€ufig. Wir finden (im RĂ€tischen Namenbuch 2, 239f.) Padrus verbreitet in der romanischen Surselva, ebenso in Saas, FlĂ€sch, Maienfeld, Untervaz, Maladers, ferner auch im Engadin. Als weibliches Pedrusa tritt es auf in Samnaun, ebenso als Padrausa in GrĂŒsch, und in der ursprĂŒnglichen adjektivischen Funktion finden wir es in Domat Ems (als Tumma Padrusa âsteiniger HĂŒgelâ) und in Breil/Brigels (als Val Padrusa âsteiniges Talâ). Damit ist die ErklĂ€rung von Madrusa in Gams zuverlĂ€ssig abgesichert.
Unser Fall erinnert inhaltlich sehr an den Namen (in den) Steinen in Buchs (Altendorf), ein Quartier entlang des alten Laufs des Buchser Bachs. Dass die einstigen RealverhĂ€ltnisse (SchuttflĂ€che eines immer wieder ĂŒber die Ufer tretenden wilden Bergbaches) der heutigen Bevölkerung oft nicht mehr bewusst sind, ist verstĂ€ndlich. Besonders bei romanischen Namen, deren Sinn uns ja nicht mehr zugĂ€nglich ist. Doch auch bei deutschen Bezeichnungen ist das sinngemĂ€sse VerstĂ€ndnis einer an sich klaren Bezeichnung nicht stets gewĂ€hrleistet. Wie liesse es sich sonst erklĂ€ren, dass in Buchs heute fĂŒr das erwĂ€hnte Quartier in den Steinen schon ein widersinniges «im Steinen» und «in der Steinen» zu hören ist?
Namen haben eben immer die Tendenz, sich von den Formen und damit auch von den Sach- und SinnzusammenhĂ€ngen der gesprochenen Sprache loszumachen, ein Eigenleben zu fĂŒhren.
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