«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Malär

(Wartau)

Eine ebene Wiese hinter (= nördlich von) Oberschan, am westlichen Rand des flachen Schaner Riets, wo frĂŒher ein kleiner, mittlerweile ziemlich verlandeter Weiher war, wird MalĂ€r genannt. In der mundartlichen Verwendung heisst es (auf die Frage «wo? woher?») «em MalĂ€r», «us em MalĂ€r». Urkundlich erscheint der Name seit 1531 (als «Malayr»), im Helvetischen Kataster von 1801 dann als «MallĂ€r» und «MallĂ€hr».

Im Staatsarchiv ZĂŒrich liegt das «Urbar der Grafschaft Sargans und der Herrschaften Freudenberg, Nidberg und Walenstadt», ein Pergamentbuch mit in Leder gefassten Holzdeckeln von ca. 1535 (1531?), das auf Befehl der sieben regierenden Orte durch den Glarner Politiker und Gelehrten Gilg (Aegidius) Tschudi, von 1530 bis 1532 Landvogt von Sargans, angelegt worden. Ein Exemplar dieses Urbars, mit 1531 datiert, liegt auch im Staatsarchiv St.Gallen. In diesem umfangreichen Verzeichnis ist auch das Kulturland der Gemeinde Wartau erfasst, gehörte diese doch (mit Ausnahme der Burg Wartau und des Dörfchens Gretschins) seit dem 13. Jahrhundert zur Grafschaft Sargans.

Blick von SĂŒdosten her auf das Schaner Riet mit dem verbliebenen TĂŒmpel. Dahinter, dort, wo eben geheuet wird, liegt MalĂ€r, die Wiesen weiter oben heissen Gafazella und Zerstruis. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Auf fol. 11r bzw. 14 dieses Urbars wird unser Name erwĂ€hnt. Es heisst dort (zitiert aus der ZĂŒrcher Ausgabe): «  und ab der wyerstatt zu Oberschan nebend dem dorff gelegen die mit eigenschafft zu der Graffschafft Sangans ghört [
], stost vswerts gegem dorff an das wuor so Hansen Lifer und Uolrichn Caspars selign frowen zughort, zur anderen siten obsich der RĂŒfj nach an Malayr, dritter siten inhin wert hindn am see an Madlena Reineri guot  ».

Es erscheinen in dieser Ortsumschreibung neben MĂ€lĂ€r auch der ebenfalls heute noch bekannte Name Wuer. Nur die Bezeichnung †RĂŒfi ist uns in dieser Umgebung nicht mehr vertraut. Der einstige Schaner See (die «Weiherstatt») besteht heute mehrteils nur noch aus feuchtem Wiesland in einer leichten Senke im flachen und mittlerweile meliorierten Schaner Riet. Das einstige Seelein ist infolge von AuffĂŒllungen, natĂŒrlicher Verlandung und der EntwĂ€sserung durch den Putelgraben zu einem schilfverwachsenen TĂŒmpel zusammengeschrumpft. Das uns an dieser Stelle besonders interessierende Wiesland namens MalĂ€r liegt am oberen Rand des Schaner Riets und steigt westwĂ€rts leicht gegen Paluta und Gafazella an.

In seinem BĂŒchlein zu den Orts- und Flurnamen der Gemeinden Wartau und Sevelen (erschienen 1928 und 1944) will Heinrich Gabathuler den Namen MalĂ€r mit einer indogermanischen Wortwurzel mal- (mel-) mit der Grundbedeutung ‘zerreiben, mahlen, zermalmen’ verbinden. Diese Wortfamilie ist tatsĂ€chlich ĂŒber viele Sprachen verbreitet; ihr werden sowohl lat. mola ‘MĂŒhlstein’ wie auch deutsch mahlen, MĂŒhle, Mehl zugezĂ€hlt.

Diese Wortsippe will Gabathuler nun aber noch erweitern, indem er ihr zusĂ€tzlich eine «Urbedeutung» ‘grosser einzelner Stein’ beilegt. Wie kommt er dazu?

Das ging so: Er hatte da in der Umgebung eine Reihe von Namen ausgemacht, die er alle auf diese Weise erklĂ€ren zu können glaubt (etwa Madruel, Malabiel, Malin, Maladorf, Milsana, Milschona, Malans). Diese bringt er nun alle mit angeblichen grossen erratischen Felsblöcken in Verbindung. Mit dieser Patentlösung schiesst er nun allerdings weit ĂŒber das Ziel hinaus. Da er bekanntlich – wie vielfach bei sprachwissenschaftlichen Laien zu beobachten – in sprachlichen Dingen sehr freizĂŒgig verfĂ€hrt und etwa vorrömisches und lateinisches Wortgut nach Belieben durcheinanderwirft, konstruiert er hier fĂŒr unser MalĂ€r ein «lat. *malarium ‘bei den Steinen’». Er verbindet also sein angebliches mal- mit der lat. Endung -ariu, ohne sich um die zeitliche Diskrepanz bei dieser Operation zu kĂŒmmern, und des Umstandes ungeachtet, dass das Lateinische einen Abkömmling des besagten Wortstamms in der Bedeutung ‘Felsblock’ gar nicht kennt.

DafĂŒr betont unser Autor zur Untermauerung seiner These zu MalĂ€r noch besonders: «  einige erratische Blöcke begrĂŒnden den Namen malarium ‘Felsblöcke’».

Ausschnitt aus der Flurnamenkarte Wartau: das Gebiet nördlich von Oberschan mit dem Schaner Riet und MalÀr (letzteres ist rot markiert). Werdenberger Namenbuch.

Man fragt sich: Hat er diese (jedenfalls heute im Raum MalĂ€r nicht vorhandenen) Findlinge einfach als blosse Annahme dazuerfunden? Oder gab es solche in Ă€lterer Zeit wirklich? Wir wissen es nicht. Viele solcher ĂŒber die Landschaften zerstreuten einzelnen Felsblöcke sind, wie man weiss, im Lauf der jĂŒngeren Zeit gesprengt und entfernt worden; ein bekanntes Beispiel dafĂŒr ist der einstige Bettlerstein an der Strasse von Malans nach Oberschan, zwischen Gerschendlis, Galein und Prada. Jedoch ist es in unserem Zusammenhang eigentlich auch gleichgĂŒltig, ob es bei MalĂ€r solche Findlinge gab oder nicht; Gabathulers Konstruktion ist so oder so zurĂŒckzuweisen.

Immerhin: Wenigstens mit der lat. Endung -ariu (altromanisch -air, dann romanisch -Ăšr) liegt er nicht falsch. Diese Endung bezeichnet in Ortsnamen hĂ€ufig den Ort, wo sich die Sache, von der ausgegangen wird, einzeln oder in grosser Zahl befindet. So etwa der Baum, der die betreffende Frucht trĂ€gt, oder das Gehölz, das aus der betreffenden Baumart gebildet wird (das lĂ€sst sich bei Werner Camenisch, BeitrĂ€ge zur altrĂ€toromanischen Lautlehre, ZĂŒrich 1963, S..23, nachlesen).

Hier ist in der Tat fĂŒr MalĂ€r anzusetzen! Die ErklĂ€rung ist gut ersichtlich und einleuchtend: Romanisch mail (meil) m. heisst ‘Apfel’. Auf -ariu abgeleitet, wird daraus rom. mailĂšr (malĂšr) ‘Apfelbaum’.

MalĂ€r ist also zu ĂŒbersetzen mit ‘[Ort] beim Apfelbaum’. Eine plausible ErklĂ€rung fĂŒr eine Wiese im alten Kulturland ganz in der NĂ€he des Dorfes.

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