Wer vom Frümsner Älpchen Alpeel den Alpweg gegen den Furgglafirst im Zickzack hochsteigt, durch den Steilhang in der Nische zwischen Hochhus und Hüseren, kommt auf etwa drei Vierteln des Weges, beim Sattelchopf, auf rund 1650 m ü. M., an einer Stelle vorbei, wo sich eine Höhle oder Kluft im Kalkfelsen befindet. Diese wird als Mamilchloch bezeichnet. Diesem eigenartigen Namen wollen wir hier nachgehen.

In Bildmitte rechts aussen die Alp Alpeel, darüber in dem schräg gegen links hochsteigenden Hang ist die Stelle rot markiert, an der sich das Mamilchloch befindet. der Gipfel links ist das Hochhus, weiter rechts die Hüser, dazwischen der Furgglafirst; rechts aussen am Berggrat heisst es Stoberen. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Eine rasche Erkundigungstour durch die Deutschschweizer Namenwelt ergibt den Befund, dass das Wort Mamilch auch anderwärts gelegentlich erscheint: Es gibt einen Kalkfelsen namens Mamilch in Sachseln (OW, 1550 m ü. M., «ein Kalkfels»), dann einen Mamilch Fels (eine Felswand mit Klüften) in der Gemeinde Blauen (BL) im Bezirk Laufen, ferner erscheint in ähnlicher Form eine Mondmilchhöhle in der Gemeinde Schwende-Rüte (AI). Diese letztere Form müssen wir auch im Auge behalten. Tatsächlich stellt sich nämlich heraus, dass das verbreitete Ma-Milch das Wort ‘Mond’ enthält, mundartlich ja Moon, Muun, auch Maan.
Doch was hat es mit dieser «Mondmilch» auf sich? Und warum werden mit diesem Namen stets Stellen bezeichnet, wo Höhlen, Felsklüfte und -spalten vorhanden sind? Es sind uns zum hiesigen Namen in der Frümsner Alp jedenfalls keine älteren Erklärungsversuche bekannt.
Aber anderswo sind schon in früheren Jahrhunderten wissbegierige Menschen der Frage nach dem Ursprung dieser Bezeichnung und deren natürlichen Grundlagen nachgegangen. Zu ihnen gehörte der Zürcher Arzt und Naturforscher Conrad Gessner (1516-1565), ein polyglotter und vielseitiger Renaissance-Gelehrter, der nicht nur zahlreiche griechische Autoren ins Latein übersetzte, sondern auch als Naturforscher als sein bekanntestes Werk die «Historia Animalium» schrieb, eine auf entsprechenden Werken des Aristoteles aufbauende vier-, dann fünfbändige Abhandlung über die Ordnung der Tierwelt, das erste bedeutende Werk der modernen Zoologie. Daneben gilt Gessner auch als Begründer der wissenschaftlichen Botanik, und er arbeitete bis zuletzt an einer (unvollendet gebliebenen) Gesamtdarstellung des Pflanzenreichs («Historia Plantarum»). Auch im Bereich der Mineralien tat er sich um, und er verfasste ferner ein Grundlagenwerk, in dem er das bekannte Wissen über Chemie und Alchemie, über Arzneimittel und Medizin zusammenstellte (den «Thesaurus de remediis secretis»).
In unserem Zusammenhang begegnen wir nun Conrad Gessner als Forscher, der auch dieser «Mondmilch» nachgegangen war. In einer im Jahr 1565 erschienenen Beschreibung des Pilatusgebiets in der Innerschweiz («Descriptio Montis Fracti sive Montis Pilati ut vulgo nominant, juxta Lucernam in Helvetia», im übrigen das erste Werk der Pflanzengeografie) beschreibt er nämlich eine Höhle in jener Gegend, welche eben diese eigenartige Beschaffenheit aufwies. Er schreibt:
«In spelunca quadam per summum montem, ut diximus, fornici adhaerens nascitur substantia quaedam fungosa, alba, levissima, friabilis, quam fungum petraeum dixeris, vel agaricum saxatile, ipsi monmilch appellant, id est lac lunae, a substantia alba et spumosa. Si aquae misceatur, albo lactis colore eam inficit. Superstitiose et stulte quidam adversus quemcunque morbum aegroti cujusvis, propter quem expresso ipsius nomine e spelunca petatur, salutarem esse putant.»
Das heisst auf deutsch: »An der Decke einer Höhle findet sich eine schwammige weisse, leicht zerreibliche Masse, eine Art Felsenschwamm oder Lerchenschwamm (agaricum saxatile) hier Mondmilch genannt, nach der weissen schäumigen Masse aus der dieser Stein erhärtete, vorausgesetzt dass man ihn überhaupt Stein nennen kann. Mit Wasser vermischt färbt er es mit einer weissen Milchfarbe, er ist ohne Geruch und Geschmack. Er trocknet, ohne beissend zu sein. Er ist rauh, vergeht mit dem Speichel im Munde, insbesondere der Bessere. Er wird nämlich auch fetter oder rauher angetroffen. Es gibt sogar abergläubische Leute, die ihn für heilkräftig gegen jede Krankheit betrachten, deshalb wird schon das blosse Nennen des Kranken beim Gewinnen der Mondmilch in der Höhle für heilbringend betrachtet.«
Gessners Text samt der Übersetzung ist abgedruckt in der Zeitschrift Schweizerisches Archiv für Volkskunde 37(1939-1940), S. 218-228, in einer ausführlichen Sachbeschreibung durch den Luzerner Apotheker Franz Sidler, der bei den Kunden in seiner Praxis oftmals auf ein Volksheilmittel namens Mondmilch (im Luzernischen auch als Mandlimilch) angesprochen wurde, was sein Interesse an der Sache geweckt hatte.
Man weiss heute, dass diese Mondmilch (Mamilch) als Höhlenmineral eine Calzitablagerung in Klüften von Kalkgebirgen ist, welche «im Zusammenspiel mit Sickerwasser sowohl in aktiv bildender (weicher, wässriger) als auch in teilweise verdunsteter (bröckeliger oder fester) Form an den Wänden, Decken und Böden ihrer jeweiligen Lokalität auftritt», eine chemische Verbindung der Elemente Sauerstoff, Kohlenstoff und Calcium (CaCO3), ein Calciumcarbonat, im Volksmund auch «kohlensaurer Kalk» genannt. Vgl. dazu auch https://www.chemie.de/lexikon/Calciumcarbonat.html (abgerufen 08.02.2026).
Schon Konrad Gessner kannte die Substanz (wie wir gesehen haben) als ein Heilmittel, das bei vielen Krankheitserscheinungen Anwendung fand, als Umschläge und Wickel bei Fieber und Entzündungen aller Art, auch bei Kopf- und Halsweh. Dazu habe man die Substanz mit Wasser zu einem Brei angerieben, dann aufgelegt und mit wollenen Tüchern warm verbunden. Auch bereitete man einen wässrigen Auszug und benutzte diesen zum Gurgeln und Trinken. Im Entlebuch habe man es sich aus einer Höhle der Baumgartenfluh geholt, wobei man bei der Gewinnung auf gewisse Zeichen achten müsse, so auch auf die Stellung des Mondes. Franz Sidlers ausführliche Beschreibung lässt sich digital auffinden unter: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=sav-001%3A1939%3A37%3A%3A229 (abgerufen 08.02.2026).
Wer noch mehr wissen will, konsultiere auch: Anita Stocker, Faszinosum Mondmilch, unter: https://aether.ethz.ch/ausgabe/experimentelle-pharmaziegeschichte-im-museum/neu-faszinosum-mondmilch/ (abgerufen 08.02.2026).
Auch im Alpstein, vor allem in den Höhlen des Kamors, wurde Mondmilch gesammelt und als Heilmittel für Mensch und Vieh benutzt (Sonderegger, Appenzeller Namenbuch Bd. 2.2, 1279). Ob dies auch bei unserem Mamilchloch in der Frümsner Alp gebräuchlich war, ist uns nicht überliefert – sofern die materiellen Voraussetzungen in der betreffenden Kluft zutreffen, wird dies sehr wohl der Fall gewesen sein.

Hier der entsprechende Ausschnitt aus der Flurnamenkarte der Gemeinde Sennwald. Wiederum rot markiert das Mamilchloch.
Schliesslich ist noch anzufügen, dass die entsprechenden Höhlen in der schweizerischen Topografie (in Kalkgebirgen) oft auch unter dem Namen Zigerloch bekannt sind. Im Schweizerdeutschen Wörterbuch 3, 1041 wird dieser Name erwähnt für eine «Felshöhle am Säntis, an deren Wänden sich Mondmilch ansetzt»; vielleicht ist damit das Zigerloch in Schwende (AI) gemeint, eine Höhle auf Altenalp, westlich über dem Seealpsee (allerdings 4 km NO vom Säntis gelegen).
Der Name besagt, dass die in der Höhle befindliche weissliche Masse von den Bauern und Sennen mit dem Ziger verglichen wurde, also mit dem Erzeugnis aus erhitzter und gesäuerter Molke bzw. Milch: Das ist der nach dem Käsen aus der erhitzten Molke unter Beigabe eines Säuerungsmittels ausgefällte, frisch verwendete oder verschieden geformte, gelagerte bzw. weiterverarbeitete feste Eiweissstoff, der vorwiegend in der traditionellen Alpsennerei hergestellt wurde; vgl. Schweizerdeutsches Wörterbuch (Bd. 17, Sp. 405ff.).
Auch im Werdenberg gibt es solche «Zigerlöcher»: Wir kennen in Grabs als Zigerloch die Geröllhalde zuhinterst in der Alp Ischlawiz mit in manchen Jahren nicht vergehendem Schneefleck, oben in der Mulde namens Schneetole, zwischen Gerschella und Trestercholben. Und bekannt ist weiter in der Gemeinde Sennwald das Zigerloch, eine kleine Höhle am obersten Sennwalder Berg, im Felsen, südöstlich unter der Alp Rohr, über dem Cheller.
Ich hatte früher beim Namen Zigerloch als Erklärung auch noch an eine Mulde mit liegenbleibendem Schneefleck gedacht. Doch steht der Bezug auf die erwähnte, in den Klüften der Kalkalpen vorkommende weissliche, schaumartige Masse («Mondmilch») eindeutig im Vordergrund. Der Bezug auf einen Schneefleck käme allenfalls dann in Frage, wenn an einer Stelle dieses Namens die örtlichen Voraussetzungen für eine Mondmilchkluft nicht gegeben wären.
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