«Namen sind ungeschriebene Geschichte»

Pfnada

(Sennwald)

So heisst eine Wiese mit ObstbĂ€umen unweit oberhalb FrĂŒmsen, auf 475 m ĂŒ. M., ĂŒber dem FrĂŒmsner Dorfteil Spengelgass, unter dem Oberhag mit der Talstation der Stauberen-Seilbahn, dort, wo der steile Bergwald beginnt. Etwas weiter sĂŒdlich findet sich das Wohngebiet Ober Schnara, hinterhalb liegt das Wiesland Tina. Der FrĂŒmsner sagt heutzutage: im Pfnada. Urkundlich aber erscheint der Name (erstmals 1698 und auffĂ€llig) als Sapfnaden. Dieses lĂ€ngere Gebilde mit einer Vorsilbe Sa- tritt dann auch 1740 (als Sapfnarden) auf sowie 1801 im Helvetischen Kataster, dort in diversen orthographischen Varianten (Sap Fnaden, Sapfnaden, Sapfanaden, usw.). Der Befund ist offensichtlich von Wichtigkeit fĂŒr die Beurteilung des Falles.

Das heutige Pfnada stellt also die abgekĂŒrzte Form fĂŒr Ă€lteres gesprochenes /sapfnada/ dar, dessen vortonige Silbe Sa- im Lauf der Zeit abgeworfen worden ist. Die Annahme liegt nahe, dass fĂŒr die sprachliche Zuordnung und inhaltliche Deutung des Namens von der langen Form auszugehen ist. Als weiteres Beispiel eines gekĂŒrzten romanischen Namens kann auf das benachbarte Tina verwiesen werden, das Ă€lter Gatina hiess und in entsprechender Weise beschnitten worden ist.

 Das Wiesland namens Pfnada oberhalb von FrĂŒmsen, unter der Talstation der Stauberenbahn und dem FrĂŒmsner Berg. Im Hintergrund die Kreuzberge. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.

Warum es in unserem Raum immer wieder zu solchen KĂŒrzungen romanischer Namen kam, sei im Folgenden als erstes kurz dargestellt. Sie spielten sich vor folgendem Hintergrund ab: Romanische (ĂŒberhaupt vordeutsche) Namen weisen im Auftakt vielfach eine unbetonte Silbe auf. Sie tragen also die Wortbetonung auf der zweiten Silbe: etwa bei Salez, Malans, Fontnas, Gretschins. DemgegenĂŒber ist fĂŒr das Deutsche wieder die Betonung der ersten Wortsilbe typisch: RĂŒfi, Farnen, Studen, usw. Dies ist ein allgemein zu beobachtender, also typischer Strukturunterschied zwischen Romanisch und Deutsch. Offensichtlich empfanden Leute, die das Romanische nicht «im Blut» hatten, diesen schwachtonigen Wortauftakt als ungewohnt. Dadurch kam es im altromanischen Raum (so im Werdenberg, aber auch weit darĂŒber hinaus) seit dem Sprachwechsel zum Deutschen sehr oft zur Umbildung romanischer Namen mit der (unbewussten) Absicht, die «romanische» schwachtonige Anlautsilbe eines Namens (hier: Sapfnada) loszuwerden – unter anderem auch durch den Abwurf der ersten Silbe eines Namens. So entstand die Kurzform Pfnada, nun mit Erstsilbenbetonung. Man muss diesen Vorgang als Anpassung an das alemannische SprachgefĂŒhl verstehen.

In diesem Punkt bildet im Werdenberg nur die Gemeinde Wartau eine markante Ausnahme; dort sind die meisten romanischen Namen in ihrer ursprĂŒnglichen (romanischen) Betonungslage bis heute intakt geblieben (siehe etwa: Fanola, Fereitis, Ganada, Gareda, Gasal, usw.). Auch dieser Umstand beweist, zusammen mit anderen Argumenten, dass der Raum Wartau bedeutend lĂ€nger an der alten romanischen Landessprache festgehalten hat als die anderen Werdenberger Gemeinden. Als dann nĂ€mlich auch Wartau verdeutscht wurde, hatte sich das VerhĂ€ltnis der beiden Sprachen zueinander bereits wieder verĂ€ndert; da war dieses BedĂŒrfnis nach Anpassung der romanischen Betonungslage an deutsche Sprachgewohnheiten anscheinend nicht mehr vordringlich; die romanischen Formen blieben erhalten. Und so erhielten sich in Wartau die romanischen Namen in ihrem ursprĂŒnglichen Gewand, besser als im ĂŒbrigen Werdenberg. DiesbezĂŒglich sind die Wartauer, auch wenn auch sie nun deutsch reden, dem romanischen SprachgefĂŒhl doch am nĂ€chsten geblieben.

Doch zurĂŒck zu unserem Fallbeispiel! Hat sich schon jemand zur Herkunft des Namens Pfnada – respektive Sapfnada – geĂ€ussert? Ja: Valentin Vincenz (1992), dem wir auch die Kenntnis der von ihm erhobenen urkundlichen Formen verdanken. Er dachte, ausgehend von der historischen Vollform /sapfnada/, an eine prĂ€positionale Verbindung *sut funtauna ‘unter dem Dorfbrunnen’. Eine solche erschien ihm als sachlich passend; allerdings verschwieg er nicht, dass ein lautlicher Übergang von */Sutfuntauna/ ĂŒber */Sapfantauna/ zu Sapfnada schwer zu erklĂ€ren war. Mit seinem Zögern liegt Vincenz zweifellos richtig, denn der «aus der Not geborene» Vorschlag muss abgelehnt werden, weil er formal in keiner Weise plausibel ist. Es fĂŒhrt einfach kein nachvollziehbarer Weg von sut funtauna nach Sapfnada.

Ganz auf Feld eins mĂŒssen wir deshalb aber nicht zurĂŒckkehren, denn immerhin bleibt die PrĂ€position romanisch sut ‘unter(halb)’ (aus lat. subtus) durchaus brauchbar. Nur das Kernwort, das sagt, «unter WAS» sich die Örtlichkeit befand, muss noch gefunden werden. Dieser Frage wollen wir nun nachgehen.

Dazu mĂŒssen wir uns dem Thema der Wildheuerei zuwenden. Seit unvordenklichen Zeiten wurde hauptsĂ€chlich an den steilen HĂ€ngen der Alpsteinflanke hoch ĂŒber Gams, Sax und FrĂŒmsen Bergheu gewonnen. Im Werdenberger Jahrbuch (WJ) 1989, S. 101-105, haben Hans Jakob Reich, Gertrud KĂŒnzler und Heini Bernegger diese schwere und auch gefĂ€hrliche Arbeit eingehend beschrieben und auch bildlich eindrĂŒcklich dokumentiert. In Gams waren es die Halden, die von den Alpen Loch, Obetweid und Igadeel zum GĂ€tterifirst, zum Mutschen und zu den Kreuzbergen ansteigen. Die Saxer Heuberge (ich zitiere) «werden in den ‘hinteren’ und den â€˜Ă€usseren’ Heuberg unterteilt; der Ă€ussere grenzt in der Runse zwischen dem achten Kreuzberg und dem Mutschen an die Gamser Heuberge und zieht sich dem Felsfuss der Kreuzberge entlang bis hinunter zu den Alpweiden der Saxer Unteralp. [
] Der FrĂŒmsner Heuberg schliesslich befindet sich ĂŒber der FrĂŒmsner Alp am FrĂŒmsner- oder Stauberenfirst, wo man laut dem Versteigerungsprotokoll von 1937 nicht weniger als 57 Berg- und FirstschlĂ€tte zĂ€hlte» (WJ 1989, S. 102f.). (Anmerkung: Die HeuplĂ€tze wurden in der Ortsmundart als SchlĂ€tte [Einzahl: Schlatt] bezeichnet.)

Einen Begriff von der einstigen wirtschaftlichen Bedeutung dieser extrem steilen und exponierten NutzflĂ€chen erhĂ€lt man, wenn man diese AufzĂ€hlung der einstmals gebrĂ€uchlichen Namen dieser HeuplĂ€tze ĂŒberblickt.

Nach dem Gantprotokoll vom 1. Mai 1937 wurden am FrĂŒmsner Berg folgende SchlĂ€tte unterschieden (ich behalte die dortige Schreibweise bei): HĂ€zersrĂŒti, Tschingel, Unter dem Tschingel, Unterplatten, Wissenberg, LĂ€uischlatt, Haselstöck, HinterlĂ€uiboden, Ausserplangg, GĂ€chplangg, Kleeböden, Geissplatten, BĂ€llisplangg, Ruheneggli, Schwammwald, Langegg, Kurzegg, RĂŒti, Gelenkopf, ObergĂ€ngliegg, UntergĂ€ngliegg, Schneeplattengutsch, Äusseres Schneeplattenloch, Hinteres Schneeplattenloch, Äussere Schneeplatten, Horchschlatt, Äussere Erlen, Hintere Erlen, Erlenzug, Äussere KĂŒhplatten, Hintere KĂŒhplatten, Oberer Krummenzug, Unterer Krummenzug, Gradzug, Äussere Löri, Hintere Löri, Bettli, Kehr, Äusseres RĂ€sseggli, Hinteres RĂ€sseggli, Langentannen, KappenbĂŒhel, Äusseres Kappenloch, Hinteres Kappenloch, Michelszug, Plattenzug, Wildburg, Legg und Platten, Faulplatten, Stöfeli und Stumpen, Ruheneggli, Kurz- und Langegg, Ahorn, Kogenloch, Ruhenschlatt, Hinterzug, Wisswand (WJ 1989, S. 102f., Anm. 4).

 Wildheuer in den unheimlich steilen GrashĂ€ngen am FrĂŒmsner First. Bild aus WJ 1989, S. 102.

Die ebenso detaillierte wie umfangreiche Auflistung macht uns bewusst, dass es sich hier jedenfalls um eine traditionelle Nutzungsform handelte, die nicht bloss vereinzelt und gleichsam nebenbei herangezogen wurde, sondern die wohl seit jeher eine wichtige Rolle in der Bestreitung des Lebensunterhaltes dieser Dörfer spielte. Sie ist dann nach der Mitte des 20. Jahrhunderts nach und nach aufgegeben worden. WĂ€hrend die WildheuflĂ€che des Bezirks Werdenberg im Jahr 1896 noch 139,6 ha betrug, war 1966 die entsprechende Nutzung im ganzen Kanton St.Gallen auf rund 50 ha zusammengeschrumpft. Noch 1988 aber wurde am FrĂŒmsner First noch Wildheu gewonnen, allerdings nicht mehr, um ins Tal gefĂŒhrt zu werden, sondern nur noch als Futterreserve fĂŒr Schlechtwettertage auf der FrĂŒmsner Alp.

Zuvor aber war der Transport des wertvollen Futters ins Tal gebrĂ€uchlich, und er lief nach der Schilderung der letzten Zeugen wie folgt ab (so gemĂ€ss WJ 1989, S. 104): «Am FrĂŒmsnerberg fasste man das Heu [
] mit ‘Sporenseilen’ zu Tragburden von etwa 60 kg zusammen, die dann zu den SchlittenplĂ€tzen ob der Alp hinuntergetragen wurden. Von dort schlittete man sie zu jeweils zwei Burden auf einem Hornschlitten durch den Wald bis an den Hangfuss, wo der Schlitten auf einen Redig geschoben und darauf festgebunden wurde, so dass man das Heu das letzte WegstĂŒck bis nach Hause fahren konnte.».

Soweit die Beschreibung der in unserer Zeit noch fassbaren VerhĂ€ltnisse. Wir dĂŒrfen sicher annehmen, dass mit dem «Hangfuss» das Gebiet bei (oberhalb) Pfnada, also etwa bei der heutigen Seilbahn-Talstation, gemeint war. Dort nĂ€mlich mĂŒndet der Alpweg in den Hangfuss aus, dort endete die mĂŒhsame, steinige Bergstrecke, ĂŒber die zur Sommerszeit das Heu auf Hornschlitten durch die steile, trockene Gasse herabbefördert werden musste.

So wurde das wertvolle gedörrte Bergheu ĂŒber den steinigen, steilen Alpweg zum Tristenplatz heruntergefĂŒhrt - wahrlich keine leichte Arbeit. Bild aus WJ 1989, S. 103.

Von hier an, oberhalb Pfnada, wo der Alpweg den Hangwald verlĂ€sst und das GelĂ€nde flacher wird, konnte man zur Sommerszeit die schwer beladenen Hornschlitten nicht wohl in gleicher Weise weiterbefördern. Daher ist anzunehmen, dass man hier das Heu ablud und «schochnete», das heisst, man schichtete es an Ort und Stelle (auf den dafĂŒr geeigneten TristenplĂ€tzen) rund um die sogenannte Tristlatte herum zu Schochen oder Tristen auf. Hier blieb das Heu nun bis zur kalten Jahreszeit zwischengelagert, um dann bei Schneebahn wiederum auf Schlitten, dann aber viel leichter, vollends in die DorfstĂ€lle gefĂŒhrt zu werden.

Auf diese Voraussetzung grĂŒnde ich nun die ErklĂ€rung des Namens Pfnada, bzw. des Ă€lteren Sapfnada. Dabei halte ich die Annahme keineswegs fĂŒr vermessen, dass schon im Mittelalter, also vor tausend Jahren und demnach schon zu romanischer Zeit, die Bewohner der hangnahen Dörfer oben an den steilen Berghalden unter dem FrĂŒmsner First ins Wildheu gingen, um zusĂ€tzliches Winterfutter fĂŒr ihre Tiere zu gewinnen.

 Blick ĂŒber Pfnada hinab gegen einige HĂ€user von FrĂŒmsen. Bild: Werdenberger Namenbuch.

Daraus folgt in meinen Augen: Der Name Sapfnada enthĂ€lt romanisch sut prĂ€p. ‘unterhalb’ + rom. fenada f. Letzteres Wort bedeutet ‘Heuertrag, Heuhaufen, grosse Menge Heu’, und es ist abgeleitet aus lat. fenum n., romanisch fain (fein) m. ‘Heu’. Dabei gehe ich (ohne es geradezu beweisen zu können) von der Annahme aus, dass in romanisch fenada damals offenbar auch die Sonderbedeutung ‘Heuschochenplatz, Ort, wo die Heuschochen, Heutristen stehen’ enthalten war.

Damit lĂ€sst sich der Lokalname Pfnada (bzw. Ă€lter Sapfnada) erklĂ€ren als Sut Fanada ‘[Ort] unter dem Heuschochenplatz’. 

Oben am Stauberenfirst (gelb) wurde das Wildheu gewonnen, dann ĂŒber die FrĂŒmsner Alp und den FrĂŒmsner Berg herabgefĂŒhrt auf dem alten Alpweg (rot) bis oberhalb Pfnada (blau). Ausschnitt aus der Landeskarte der Schweiz 1:25'000, Blatt 1115 SĂ€ntis.

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