«Namen sind ungeschriebene Geschichte»
Aus der Chronik von Johannes Stumpf (1548), Zentralbibliothek Zürich (DOI: 10.3931/e-rara-5076), Beginn des XXI. Kapitels.

Chronisten und Humanisten beobachten das Bündner Sprachleben

Der um 1510 geborene, 1582 gestorbene Unterengadiner Pfarrer, Reformator und Humanist Durich Chiampell (Ulricus Campellus) verfasste, angeregt vom ZĂŒrcher Theologen Josias Simmler, den BĂŒndner Teil einer damals geplanten Beschreibung der Eidgenossenschaft. So entstanden nach 1570 die umfangreichen Manuskripte «Raetiae alpestris topographica descriptio» [«Topographische Beschreibung des alpinen RĂ€tien»] (vgl. Campell 1572) und «Historia totius Raetiae» [«Geschichte ganz RĂ€tiens»] (vgl. Campell 1579). Beide Titel sind erst im 19. Jh. im Druck herausgegeben worden.

In der «Topographischen Beschreibung» von 1572 kommt Chiampel auch auf die Gegend von Werdenberg zu sprechen, wobei er einige Bemerkungen zu deren Namen anbringt: «Guerdabergense oppidum cum arce et toto illius dominatu Glaronenses sibi emerunt anno salutis 1517 [millesimo quingentesimo septimo decimo]; qui deinceps illum procuratore seu praefecto misso administrant eique moderantur in hunc usque diem, praefecto ipsam arcem pro sede habente. Ad eundem dominatum pagumque Guerdabergensem qui pertinent loci vicique primarii praeter ipsum oppidum sunt Scevola vulgo ‚Sevelen‘, Raeuen ‚Raevis‘, Boug ‚Buchs‘, Quadrabs vel Crabs ‚Graps‘, Chiamp ‚Gamps‘, et reliqui Raeticorum nominum plerique.» (Campell 1572, 369f.).

[Auf deutsch: «Die Stadt Werdenberg mit der Burg und dem ganzen Herrschaftsgebiet hatten sich die Glarner im Jahre des Heils 1517 gekauft; seither verwalten und beherrschen sie es durch einen abgesandten Vogt bis zum heutigen Tag, indem der Vogt die Burg selber zum Wohnsitz hat. Zum besagten werdenbergischen Herrschaftsgebiet gehören neben der Stadt die Ortschaften und Dörfer Scevola, in der Volkssprache ‚Sevelen‘, Raeuen ‚Raevis‘, Boug ‚Buchs‘, Quadrabs oder Crabs ‚Graps‘, Chiamp ‚Gamps‘, und sehr viele (im Gebiet) verbliebene rĂ€tische Namen.»]

Indem Chiampel den Namen der erwĂ€hnten Orte alte Formen vorausgehen lĂ€sst, gibt er ihnen, wenn auch meist nicht eine verstĂ€ndliche ErklĂ€rung, so doch eine geschichtliche Dimension und deutet damit an, dass die Namensformen in einem historischen Entwicklungsprozess stehen, dass in ihnen alte Wörter enthalten sind. VerstĂ€ndlich wird sein Gedankengang im zitierten Textabschnitt allerdings nur im Fall von Gams, das er unmittelbar auf das romanische Appellativ champ ‚Feld’ zurĂŒckfĂŒhrt - bei den anderen Namen vermag er eine ursprĂŒngliche Wortbedeutung nicht zu finden; er begnĂŒgt sich dort mit dem Zitieren von (meist verderbten) urkundlichen Formen.

Ob solche Überlegungen im Einzelnen richtig oder falsch sind, mag hier als nebensĂ€chlich gelten - unverkennbar ist jedenfalls, dass auch damals, vor bald viereinhalb Jahrhunderten, ĂŒber Ortsnamen und ihre Bedeutung nachgedacht wurde. Zwar war man von einem systematischen Forschungsansatz damals noch weit entfernt. Aber das Interesse an den Namen ist gerade bei den Autoren des 16. Jhs. unverkennbar, und mit der Schlussbemerkung «et reliqui Raeticorum nominum plerique» macht Chiampel deutlich, dass ihm die vielen «rĂ€tischen» (d. h.: rĂ€toromanischen) Namen in unserer Gegend nicht entgangen waren. NatĂŒrlich war ihm, der auch in Klosters und Chur als Pfarrer gewirkt hatte, dieser Umstand auch aus DeutschbĂŒnden wohlbekannt.

Auch der Glarner Chronist Aegidius (Gilg) Tschudi (1505-1572) hat sich ĂŒber die romanische Sprache und ihren Überlebenskampf geĂ€ussert. In «Die vralt warhafftig Alpisch Rhetia» (1538) schreibt er [S. 13f.]: «[...] Dieser Rhetijschen spraach gebrucht noch mehrteils die landtschafft Rhetie / in sonnders was ob Chur gelegen / die wir TĂŒtschen / ChurwĂ€lsch / vnd sy selbs Romanisch nemmend [...]. Die gemelt Rhetijsch spraach ist innert anderthalbhundert jaren mercklich abgangen / vnn die tĂŒtsch zuogenommen / als noch tĂ€glich beschicht / dann wenig ĂŒber menschen gedechtnuß / die statt Chur vnd ferrer hinab / noch alles wĂ€lscher spraach gewesen / so yetz die TĂŒtsch angenommen.» (vgl. http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/43038).

Dann holt Tschudi aus zu einem Exkurs ĂŒber die besondere Entwicklung des Romanischen und auch ĂŒber die GrĂŒnde, die zu dessen RĂŒckgang gefĂŒhrt haben könnten. Dabei greift er weit zurĂŒck in die Zeit, als der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (59 v. Chr. bis 17 n. Chr.) lebte [S. 14]: «Also zuo Livii zyten / vnd ouch yetz / ist der Rhetier spraach vß grobheit vnd pĂŒrischer art so vast gebrochen worden / das dieser zyt die Thuscaner vnd andre völcker in Jtalia / sy nit verstond / sind doch einer nation von jrn eltern / glich wie ouch die EdellĂŒt by inen [den «Rhetiern»] an sitten geendert / das man sy vorn purn nit mehr vnderscheiden kann.» Hier offenbart sich einmal mehr die Anschauung jener Zeit, wonach «Grobheit und bĂ€urische Art» die gebirgsbewohnenden Romanen von ihren italienischen BrĂŒdern getrennt hĂ€tte und zum Untergang ihrer Sprache hĂ€tte fĂŒhren mĂŒssen.


Der Glarner Chronist Gilg Tschudi im Jahr 1538 zum ChurwÀlschen oder Romanischen (in «Die vralt warhafftig Alpisch Rhetia»). UniversitÀtsbibliothek Basel, EJ V 2-. Link: http://doi.org/10.3931/e-rara-1460. Ausschnitt von S. 15.

Tschudi fĂ€hrt nĂ€mlich fort mit der «BegrĂŒndung», warum man das Romanische nicht schreiben könne [S. 14f.]: «Die Rhetijsch spraach ist nit gericht / das man die schryben könne / dann all brieff vnd geschrifften in jrm lande / sind von alter har in Latin / vnd yetz mehrteils zuo tĂŒtsch gestelt. Es ist ouch nit wunder das die sitten vnd spraach by jnen ergrobet / dann als sie anfangs lange zyt allein die rĂŒhesten vnd obersten wildinen besessen / hat mengklich ruhe handarbeit thuon mĂŒssen / dann sy sunst nit jro narung gehaben / [ich] acht ouch / schuolen vnd leermeister schrybens vnn lesens / vnder den nachkommen nit gewesen / noch dero gepflegen / sonders allein rĂŒthowen / mistgablen / vnd segentzen gebrucht / dardurch sie in kĂŒnfftigem aller Grammatic / schrybens vnnd redens art entwonet / ye lenger ye vester zuo grobem bruch / vnnd verböserung der spraach kommen / als noch vndern TĂŒtschen vnd allen lannden gesehen wirt / das die in wildinen / von wegen das sy on alle leer schrybens vnd lesens wonend / vnd vfferzogen werdend / mit grobheit vnnd verböserung der spraachen / ganz vnglych andern dero nation geartet sind.». Das ist die damals gelĂ€ufige Degenerationsthese, welche im Romanischen bloss heruntergekommenes Latein sah.

Die Meinung, das Romanische sei minderwertig, scheint vor Zeiten auch im Werdenberg nicht unbekannt gewesen zu sein. DafĂŒr lĂ€sst sich ein kleines Beispiel aus unserer Mundart anbringen: Wenn am Grabser Berg ein kleines Kind noch nicht «recht reden», sich noch nicht klar verstĂ€ndlich machen kann, dann sagt man von ihm, dass «es wĂ€lschet», oder: «es het e WĂ€lscheti». In diesem «WĂ€lsch» steckt nichts anderes als die alte Sprachbezeichnung fĂŒr das Romanische, hier eben «ChurwĂ€lsch», das auch von den «abtrĂŒnnigen» Nachfahren auf diese Weise abgewertet wurde. Die Wortverwendung ist ĂŒbrigens weit verbreitet: Nach Grimm 27, 1354 heisst sĂŒddeutsch wĂ€lschen auch: 'undeutlich, unverstĂ€ndlich reden', elsĂ€ssisch Walscher 'einer, der undeutlich redet'.

Der Glarner Chronist Gilg Tschudi weilte 1530-1532 als eidgenössischer Landvogt auf Schloss Sargans. Er war offensichtlich auch mit UnterrĂ€tien vertraut, wie bei der LektĂŒre seiner Beschreibung RĂ€tiens klar wird. Als er auf das Rhein- und Seeztal zu sprechen kommt, weist er besonders auf die dort zahlreichen romanischen GelĂ€ndenamen hin: «Dann ob schon die wĂ€lsch spraach zuo Chur vnnd an vil orten in Rhetia abgangen / vnd die tĂŒtsch angenommen / werdend doch an denen enden hinab biss fĂŒr den Walensee mehrteils alle dörffer / berg / wĂ€lt / tĂ€ler / alpen / wasser / Ă€cker vnn matten noch mit wĂ€lschen nammen genemptt / dessglich etlich flecken dem Rhin nach / bis anfang des Boden sees / sonders Bregentz halb [...]». Mit der Schlussbemerkung «sonders Bregentz halb» [also: ‘besonders auf der Bregenzer Seite’] spielt er auf den Umstand an, dass vordeutsche Siedlungsnamen bis zum Bodensee hinunter namentlich auf der vorarlbergischen Rheintalseite (mit Götzis, Hohenems und Bregenz) vorkommen, wĂ€hrend im unteren Teil des st.gallischen Rheintals fast nur noch deutsche Dorfnamen zu finden sind [S. 20f.]: «Item an der andern syten an dem Rhin gegen Montfort ĂŒber / ligt ein dorff an einem kleinen sinweln [= ‘runden’] berglin / vß tĂŒtscher mißbruchung Montiglen genant / in Rhetijsch Monticulus / sunst wenig mehr Rhetijscher nammen an der selben syten hinab wertz / dann mehrteils alle dörffer / flecken / berg vnd tĂ€ler / gmeinlich des Rhintals / tĂŒtscher namen / als GrĂŒnenstein / Wartensee / item Altstetten / Rineck / Marpach / Balgach / Bernegk /Rosenberg / Monstein / Buochberg / vnd ander nammen in gmein / vnnot [= ‘unnötig’] zuo erzelen. Darumb sy on zwyfel nit des Rhetijschen harkommens / aber wol dero vnderthonen worden [...]».

Nur ein gutes Dutzend Jahre nach Tschudis Urteil wurde dann aber die Vorstellung einer angeblichen Minderwertigkeit der romanischen Sprache glanzvoll widerlegt mit dem Erscheinen der ersten romanischen Schriftwerke (siehe weiter oben). Allerdings zerfiel dieses bĂŒndnerische Literaturschaffen nun alsbald in die unterschiedlichen Regionalmundarten GraubĂŒndens - eine fĂŒr Gedeihen und Fortbestand der Kleinsprache nachteilige Entwicklung, die sich zum einen aus dem konfessionellen Gegensatz zwischen den Regionen nach der Reformation erklĂ€rt, dann aber auch aus dem Umstand, dass Chur bereits im 15. Jh. verdeutscht worden war und damit als natĂŒrliches kulturelles Zentrum der Romanen ausfiel.